Bigmouth shuts it up!

Das ist ein persönlicher Text. Eine Abrechnung mit einem Menschen, den ich einstmals angehimmelt habe. Jetzt aber ist es aus. Und das ging so (take your time, it’s a long way):

Im Sommer 1992 war ich auf einem kleinen Flohmarkt unterwegs. Einer der Stände hatte ein paar LPs auf dem Boden liegen. Darunter eine jugoslawische Pressung der Smiths-LP „The Queen Is Dead“. Das Cover von Feuchtigkeit schon halb zerschlissen, die Platte mit übermässigen Hairlines gesegnet, aber nur 3 Mark. Gekauft.

Und verkauft war meine Seele, denn die verlor ich darauf an eine Band, die schon vier Jahre nicht mehr existierte und von der damals schon klar war, daß sie nie wiederkehren würde. Zu sehr hatten sich die Mitglieder untereinander zerstritten. Also hielt ich mich an das einzige Mitglied, das zu dem Zeitpunkt valide, neue Musik machte: Morrissey, den Sänger, Texter, Planer der Optik.

Doch noch einen Blick zurück auf den Flohmarkt-Kauf. „The Queen Is Dead“ ist vielleicht die bemerkenswerteste LP, die in den 1980er veröffentlicht wurde (und wer sucht, findet in der Musik jenes Jahrzehnts viele rasend gute Platten), doch sie war auch ein erstes Warnsignal.

Auf der Habenseite stand die Musik einer Band, die inzwischen zu einer schlagkräftigen Einheit gewachsen war, was sich alleine in den ersten Momenten, in denen eins die LP laufen ließ zeigte, nämlich wenn der Titelsong wirklich startete (zunächst läuft eine – äh – alte Aufnahme von „Take Me Back To Dear Old Blighty“, whatever. Irgendwann bemerkt eins dieses Teil nicht mehr), und mit Macht jeden Raum füllt. Morrissey entert Windsor Castle und macht keine Gefangenen. Das ist bemerkenswertes Songwriting, das durch das militärisch präzise Schlagzeug von Mike Joyce getragen wird. Dazu die Gitarrenkaskaden von Johnny Marr, die alle möglichen Frequenzen mit Emotionen füllt. Doch darüber thront Morrissey, der uns einen Holden Caulfield für die Neuzeit gibt: „Her very Lowness with her head in a sling, I’m truly sorry, but it sounds like a wonderful thing“. Da waren ja die Sex Pistols in „God Save The Queen“ noch zivil, welche die Königin nur mit einer Atombombe verglichen. Und Morrissey wird nicht netter: Crossdressing, Kastraktion und der ungenannte Königinnenmord, der zwischen den Zeilen wabert, werden verhandelt. Und die letzte Zeile lautet: „Life is very long, when you’re lonely“.

Und das war das Zeichen, das The Smiths eben eine Band waren, die sich einer engen Kategorisierung entzogen. War ihre Musik besonders von Gitarrenbands der 1960er beeinflußt, dazu verfeinert durch Glam und Postpunk-Sounds (hier besonders der Paisley-Underground aus San Francisco), so verausgabte sich Morrissey in seinen Worten darin, Provokation, Introspektion und Qualität in einer Waage zu halten. Meistens gelang es.

Neben „The Queen Is Dead“ sind die seltsame Erotik von „Some Girls Are Bigger Than Others“, die Jammerode des Provokateurs in „Bigmouth Strikes Again“ zu nennen. Und dann ist da noch „There’s A Light That Never Goes Out“ zu nennen. Damit gelang der Band ein zeitloser Klassiker. Ein Liebeslied, wie es nie jemand anderes geschrieben hat: Die Fantasie des gemeinsamen Todes als Motor der Romantik. Diese massive Einsamkeit, die Dich in jedem Moment anspringt, der nasse Asphalt. Die Lichter der Nacht. Die letzten Bittbriefe an die Existenz. Wenn Morrissey in diesem Lied das Wort „Privilege“ erwähnt, dann ist das nur der Hauch eines Wunsches. Fuck, was für ein Treffer.

Und die Fehlwürfe. Nun, „Vicar In A Tutu“ balanciert mehr schlecht als recht zwischen dem Versuch der Kritik an fehlender Toleranz in kirchlichen Strukturen und reimgeschädigter Comedy über Crossdressing (schon wieder!?). Der musikalische Rückgriff auf Rockabilly hilft hier nicht.

Doch der wahre Fehler ist die Person auf dem Cover. Morrissey, der für die bildliche Gestaltung aller Smiths-Veröffentlichungen zuständig war, wählte hier ein Foto des französischen Schauspielers Alain Delon aus dem Film „Die Hölle von Algier“ aus. Das Cover genießt inzwischen einen ähnlich ikonischen Status, wie die LP als solches. Das ist falsch. Alain Delon ist ein Misogynist. Er konnte seine mafiösen Machenschaften nie wirklich aus der Welt schaffen. Brach mit seiner Mutter, weil sie seinen unehelichen Sohn in Pflege nahmen, von dem er nichts wissen wollte. Er hegt Sympathien für rechtsextreme Politiker. Er äußert sich feindlich zu Homosexualität. Was er über Transgender zu sagen hat, will ich da gar nicht wissen.

Pfui, Alain Delon auf dem Cover. Riesenpfui!

Neben diesem massiven Fehlgriff, muß der Band jedoch zugestanden werden, daß viele ihrer Arbeiten richtige und wichtige Anstöße lieferten. Zu „Meat Is Murder“ darf jeder eine individuelle Meinung haben, doch brachten gerade in Großbritannien die Smiths genau das Thema vegetarischer Ernährung so richtig auf den Tisch. Morrissey lieferte textlich mit einigen Songs, wie „Stretch Out And Wait“, „Ask“ oder „Sheila Take A Bow“ wesentliche neue Ausblicke auf typische Popthemen, wie Liebe und Sexualität. Auch Einsamkeit, Depression, Verzweiflung (Höhepunkt mag „Asleep“ sein) wurden thematisiert und halfen der Band eine Reputation aufzubauen, die kaum je mehr schwinden mag. Selbst zeitgenössische „Skandale“, wie der Vorwurf, das Stück „Suffer Little Children“ würde das Andenken der Opfer der sogenannten Moor Mörder, Ian Brady und Myra Hindley, besudeln, konnte von der Band abgewehrt werden. Was auch jede/r HörerIn bestätigen kann, so nicht voreingenommen. Es lag darüber hinaus auch nicht im Sinne von S.P. Morrissey, es jemandem leicht zu machen.

Diesen Weg verfolgte er auch nach dem Ende der Band.

Und auch wenn ihm in den weitestgehend guten Jahren bis 2004 etliche wertige, aufbauende Stücke gelangen, so fand er auch Fettnäpfchen. Oder in diesem Fall ein Fass. Die Rede ist von einem eigentlich leicht vernachlässigbaren LP-Stück mit dem Titel „Bengali In Platforms“. Ich gebe zu, dieses Stück aus dem Album „Viva Hate“ wirklich vernachlässigt zu haben, denn es ist musikalisch langweilig und ich habe die Message, die uns Steven Patrick mitgeben will, auch zunächst gar nicht realisiert. Um dies zu ändern, hat mir vieles geholfen, was ich in den vergangenen Jahren gerade über Plattformen, wie Twitter, lernen konnte. Und wie viel Unheil in diesem eigentlich lächerlich hingesauten Stück steckt, kann eins gerne unter dem Link https://genius.com/Morrissey-bengali-in-platforms-lyrics nachlesen. Dort findet eins den Kommentar des britischen Musikjournalisten David Stubbs, der zu jener Zeit der Veröffentlichung (1988) durch Heirat familiäre Kontakte zu Sikhs pflegte. Der Bruder seiner Ehefrau war glühender Smiths-Verehrer und hatte gar einen speziellen Tanzstil für Sikh-Hochzeitsfeiern entwickelt, der dem Stil Morrisseys nachempfunden war. Er sah den Sänger als wichtiges Sprachrohr für sich als gesellschaftlichen Aussenseiter. Und nun mußte er dieses „Lied“ als einen Hieb ins Gesicht ertragen. Nicht direkt feindselig gegenüber dem Fremden, dem „Bengali“, sondern einfach massiv herablassend. Was letztlich nicht weniger abwertend ist.

Hier eindeutig auf der falschen Seite gelandet, wurde Morrissey 1992 auch für sein Stück „National Front Disco“ sehr hart kritisiert. Doch muß ich ihn hier in Schutz nehmen, denn nun bewies der Mann, das er dem planen Schwarz-Weiß-Denken mit wenigen gut gesetzten Worten etwas wertiges entgegen setzen konnte. Im Narrativ begegnen wir dem jungen David, der sich rechtsextremem Gedankengut anschließt und der im Titel angesprochenen National Front Party anbändelt. Wir hören, daß sein Umfeld diesem Wandel sehr skeptisch gegenübersteht. Immer wieder heißt es „We’ve lost our boy“. Morrissey bleibt seinem Protagonisten gegenüber eher distanziert, läßt ihn vom Wandel, vom Umsturz träumen. Das die Titelpartei seit ihrem Hoch in den späten 1970er Jahren inzwischen eher eine politische Randerscheinung war, störte Morrissey nicht, als er ihr an dieser Stelle zu Ehren verhalf und störte auch die Kritiker nicht, die den Sänger genau ob diesem Punkt geißelten. Auch die Verwendung des Satzes „England für die Engen“ (England for the English) wurde ihm vorgeworfen. Was die Kritiker übersahen, war der Punkt, daß Morrissey beide Seiten dieses – im Falle des Songs – eher familiären Konflikts gleichmäßig porträtiert und die biedere, ausländerfeindliche National Front Party zur Disco degradierte. Ihnen entging, daß Morrissey hier die BNP (British National Party) mit ihrem Hass auf POC (People Of Color) in eine Veranstaltung mit hauptsächlicher Black Music umwandelte. Ja, okay, er machte es nicht immer leicht, aber diesen Punkt so einfach zu übersehen, war für die fixe Musikpresse des UK doch eher demütigend. Zu diesem Zeitpunkt hatte Morrissey auch eine andere Körperlichkeit entdeckt und umgab sich auch mit einer neuen, festen Band, die einen leichten Hauch von Fußballhooligans mitbrachten. Wer wollte, konnte immerhin dabei lernen, was hinter dem Begriff „Suedehead“ (auch der Titel seiner ersten Single) steckte. Es blieb dabei: Kontroverse, da machte ihm auch Jahre nach „Meat Is Murder“ keiner was vor.

Und das ist auch heute noch so. Doch ist der Unterschied gewaltig.

Die musikalischen Leistungen des Mannes sind inzwischen durchgängig auf dem Niveau seines ersten, großen Songfehltrittes, dem erwähnten „Bengali In Platform“: utter forgettable. Seinen letzten musikalischen Höhepunkt markierte das Album „You Are The Quarry“, das 2004 dem Fan (ich zählte mich damals dazu) die Tränen ob des Vintage-Sounds in die Augen trieb. Vintage bedeutete zwar, daß die Ideen nicht neu waren, doch war Energie und ein gewisses Maß an Wortwitz vorhanden. Mit einem US-feindlichen „America Is Not The World“ konnten viele Menschen in den Walker-Bush-Jahren auch etwas anfangen. Und das Morrissey die königliche Familie nicht leiden konnte, machte aus „Irish Blood, English Heart“ einen energetischen Widergänger, aber eben ein Widergänger. Und das Oliver Cromwell ein Widerling war, unterschreibe ich auch gerne.

Und während die musikalische Entwicklung eine Seite ist, ist die Geschmacklosigkeit, welche der Mensch in Interviews seit einigen Jahren von der Stange läßt, etwas eindeutig anderes. Etwas, das mir das Wort Niederträchtigkeit in den Sinn kommen läßt.

Das Morrissey auch heute noch jedwede Art an Fleischkonsum geißelt, ist aus seiner Geschichte verständlich. Das dabei auch die Schlachpraktiken nicht-christlicher Religionen von ihm heftig kritisiert werden, genau wie auch das Essen bei Kentucky Fried Chicken, ist quasi im Preis seiner Tiraden inbegriffen.

Diese Punkte sind beinhaltet in einem Interview, das auf http://www.morrisseycentral.com/messagesfrommorrissey/there-is-a-light-that-must-be-switched-on zu finden ist. Hier ist die Essenz eines AFD-haft gewordenen Denken abgebildet, das erschreckend ist, wenn eins bedenkt, welch großen Horizont dieser Mann einst bespielte. Oder hat er es früher eher versteckt? In einem gewissen Sinne ist hier der frühere Außenseiter, der von dort aus kraftvolle Botschaften für die anderen Außenseiter der Welt sendete, ein Heckenschütze geworden, der nur noch Feindbilder im Auge hat und diese auszulöschen sucht. Sein im Juli 2011 auf der Bühne geäußerter Vergleich des Breivik-Attentates mit den erwähnten Zubereitungspraktiken bei KFC oder dem goldenen M ist unerträglich. Provokation soll Denkprozesse anregen und dies hatte er längere Zeit erreicht. Diese Formen der sogenannten Meinungsäußerungen sind einfach nur noch Geschmacklosigkeiten, die ihm eine mediale Bühne besorgen sollen. Im oben verlinkten Interview wird auch oft das Wort „accused“ (beschuldigen) gegenüber dem gebeutelten Sänger verwendet. Jeder beschuldigt den Mann, der doch immer nur klare, unschuldige und wahre Worte findet.

Morrissey, I know it’s over. Arschloch.