Work in Progress

Liebe Welt,

an dieser Stelle werden in näherer Zukunft böswillige Steinbrüche zur Schau gestellt.

Habe Acht,
ihre Erzählerin.

Stand: 02.04.2015, 21:30 Uhr

„Chloe“

Acht Monate lang war ich wohl der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Dann kam der Morgen, an welchem ein großer Teil dieser Welt sagte: Das ist ein Fehler, den du begehst. Wir werden dich für alles, was du auslöst, verantwortlich machen. Und wir werden dir das Glück, das du eben noch fühltest, zum Vorwurf machen. Wir werden dich jagen und peinigen. Wir werden dir beweisen, daß die Bilder des Hieronymus Bosch keine blanke Fantasie sind, sondern Abbilder der Wirklichkeit, die du erleben wirst.

Eben noch wollte ich anderen Menschen die Hand zur Hilfe und zu möglicher Gerechtigkeit reichen. Dann fiel das Schwert auf diese ausgestreckte Hand und hieb sie von meinem Körper. Okay, das ist ein Bild der Situation, nicht die Realität. Aber so fühle ich es. So schmerzt es. Ich reibe die Hände, noch sind sie mein. Ich blicke an die Wand. Ich sitze in einer Zelle, Untersuchungshaft. Seit vermutlich zwei Wochen, die Zeit verwischt ein wenig an diesem Ort. Und so ganz klar ist mir seither noch nicht geworden, warum ich hier sitze. Eine Anwältin habe ich gesehen, sie hat vor mir gesessen, hat gesprochen. Worte rührten an meine Ohren, doch drangen ihre Bedeutungen nicht weiter vor. Da muß jemand gestorben sein. Es gibt Menschen, die sprechen davon, daß ich Schuld an diesem Todesfall trage. Sie zeigen mit dem Finger auf mich, und rufen Worte, die sie als Beschimpfung empfinden. Harry sei ja so ein toller Mensch gewesen, ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben stand. Ein großartiger Handwerker soll er ebenso gewesen sein. Ein Zimmermann, gerade mal neununddreißig Jahre habe er gezählt, als ihm ein Messer zwischen seine Rippen drang. Dieses Messer wurde gefunden, meine Fingerabdrücke seien darauf nachzuweisen. Was wohl auch nicht sonderlich überraschend sei, denn jener Harry lag in meiner Wohnung. Bäuchlings. Abwesender Blick zur Wohnzimmertür. Die Arme von sich gestreckt. Trocknendes Blut, das sich in den erst einige Wochen zuvor erstandenen Teppich eingearbeitet hat. Und ich auf der Couch, vielleicht einen halben Meter von diesem Mensch entfernt. Das Messer war mir aus der Hand geglitten, als der Mann zu Boden sank und noch eine Hand auf die Wunde presste. Er keuchte, stammelte Wortfetzen, schien zu würgen, der Atem wurde heftiger, das Gesicht blasser. Ich sah das Geschehen mit Schrecken, war gelähmt, dann griff ich, in einem plötzlichen Moment eisiger Klarheit, das Mobile. Wählte den Notruf. Und gab zu Protokoll, daß in meiner Wohnung ein Toter läge. Der bleiche Mann sank bei diesen Worten gänzlich zu Boden.

Dieser Harry war nicht der erste Mann, der mich in meiner Wohnung besuchte. In meiner Vorstellung würde er auch nicht der letzte gewesen sein, doch schien vielen Menschen um mich herum genau dies die Wunschvorstellung zu sein. Ja, ich hatte es ihm auch angeboten, daß er wiederkommen könnte, als er zum ersten von zwei Malen meine Wohnung betreten hatte. Und ich hatte es aufrichtig angeboten. Doch zwischen diesen beiden Besuchen lagen drei Monate, sowie einige Minuten und Erfahrungen, in welchen sich unserer beider Leben ziemlich massiv verändern würde. Und so lüftet sich der Schleier leicht und gewährt mir langsam wieder die Einblicke in das, was war.

Ich hatte schon länger davon geträumt, während eines Spazierganges im Wald, gekleidet wie ein süßes, freches Rotkäppchen, einem bösen Wolf zu begegnen, der mein Begehren wecken würde und ich das seine. Die Natur in der Natur, darübergestülpt die Grenzüberschreitung und Wucht. Ja, ich wollte unbedingt den Wolf sehen, nur den Wolf. Die anderen traf ich an anderen Orten, jedoch im Wald gab es keine Alternative zum reissenden König, dem Wildesten. Zu dem, der sich nehmen würde, was ihm gefiel. Und jenseits der Träume war ich bereit. Mein Haar lag bereits auf meinen Schultern, warf kleine Wellen dort. Seit einigen Wochen war es von einem kupferfarbenen Stich durchzogen, der mir immer ein giftiges Lächeln auf die Lippen zauberte, wenn ich ein Spiegelbild erhaschte. Schritt ich durch eine verspiegelte Einkaufspassage, waren diese Blicke die Sahne auf einem Auftritt, der sich durch meine Präsenz aufbaute. Wenn ich Türen öffenete und Zimmer, Hallen und Plätze betrat, spürte ich, wie sich die Aura der Orte änderte und nicht zuletzt durch meinen rostig roten Haarton ein Schaudern, ein wohliges Schaudern oszillierte. Es war nicht diese Wirkung, die mein Glück, das ich verspürte, befeuerte. Das Glück war eher der Grundstein für den Effekt, der sich zeigte. Männer blickten mir nach, Frauen blickten mir nach. Ich ritt auf diesen Blicken, wie ein Surfer auf einer schäumenden, immer weiter steigenden Welle. Das Bekleidungsgeschäft, das ich seit drei Jahren führte, begann nun zu florieren. Das erste Jahr noch war eine beispiellose Vorstellung von Misserfolg und Stagnation gewesen, doch mit meiner persönlichen Neuausrichtung begann Chez Chloë endlich ein wenig zu laufen, um folgend in die Spur des Erfolgs zu geraten, die ich meinte, nicht mehr verlassen zu können. Des Abends war ich daher selten in der Stimmung Ruhe zu geniessen, nein, das Kribbeln, das in mir herrschte, trieb mich immer wieder in die unterschiedlichsten Gesellschaften und meistens brachte ich noch den besonderen Menschen des Abends in meine Wohnung. Schließlich gab es genügend Dinge in meinem Leben, die ich vergessen wollte, die ich nachholen wollte. Ich hatte die Chance zu ergreifen und zum Leben zu erwecken. Ich spürte Freiheit und der Genuß, den das Leben versprechen kann, er stand in der Tür und bot mir Champagner. Chloë Warburg war ein Erfolg. Ich war dieser Erfolg. Ich begann meine Wohnung aufzuhübschen, und nebenbei auch schon nach weiteren Sproßen der Leiter zu reichen.

So hatte ich an jenem Dienstag Abend einen Innendekorateur besucht, der mir einige Ideen nahebrachte, bevor ich ihm unmißverständlich klar machte, daß nicht nur sein fachliches Können, sondern auch seine körperliche Präsenz feurig war, und mich begeisterte. Jörn, so sein Name, wirkte zunächst etwas unsicher, ob dieser Anmache, ja, er versuchte sogar den Satz zunächst als überhört zu ignorieren, doch ich wiederholte ihn, flüsternd in sein Ohr, während meine Hand über seinen Oberschenkel glitt. Nun lächelte er. Wurde samtig, während ich weiterhin flüsterte, welche Dinge ich täte, um ihm Schauern über seinen Rücken laufen zu lassen. Mein Herz zuckte leicht und lüstern, war es doch alleine meine Befriedigung, die ich hier suchte und Jörns Glück, daß der Anblick seiner Beule mich leicht befeuchtete. Und da er keine Anstalten machte, seine Rolle weiter selbst zu definieren, setzte ich mich auf seinen Schoß und lebte heftig, gierig und kompromißlos meine dominante Seite aus, nahm den großgewachsenen Mann und zerknüllte ihn unter heftigem Stöhnen zu einem fleischfarbenen, venendurchzogenen und elastischem Vibrator, als ich zum Ende auf ihm ritt, nachdem meine Lippen ihn genüßlich liebkost hatten und er kaum noch meinen oralverzückten Augenblicken standhalten konnte. Mein Mittelfinger, der in seine Poritze glitt, wurde hierbei zum wahren Turboknopf und ich war letztlich zufrieden mit der Innendekoration. Wieder in meinem Auto rief jemand zu zackiger Musik „balls to you, big daddy“ und ich mußte grinsen. Schob noch meine Träger zurecht und fuhr davon.

Über die Zeit zu sprechen, als ich noch Michael hieß, fällt mir schwer. Ich wurde auf dem OP-Tisch von einem Trauma befreit, so könnte ich es zu erklären suchen. Indem mein Körper modelliert wurde, wurde ich zu einem kompletten Menschen. Endlich. Als ich von der Narkose erwachte und nach einigen Momenten wieder wußte, wo ich war und auch weshalb, fühlte ich nach. Und obwohl gerade der betastete Bereich meines Geschlechts noch völlig taub war, ließ mich diese Berührung vor Freude Tränen vergießen. Ich hatte die Bürde abgeworfen, einen gegebenen Zustand so verändert, daß ich mit den neuen Gegebenheiten ein ebenso neues Leben beginnen konnte und Luft in meine Lungen strömen lassen konnte, die nicht von Unsicherheit und Angst erfüllt war. Ja, letztlich war es so. Der Gedanke an diese Zeit löst Beklemmung aus. Es ist einen Verkehrsunfall auf der Autobahn zu überleben und später immer wieder, bei Tag oder im Traum der Nacht, an einer solchen Situation vorbeizufahren. Der tiefe Schock, die Starrheit, die Hilflosigkeit, das Warten auf jemand, der dich aus dem Fahrzeug herausholt, die Verletzlichkeit und das Wissen um die Verletzlichkeit. Ich habe nicht gelebt, als ich Michael hieß. Ich war Gast und stiller Beobachter dessen, was um mich herum sich das Leben nannte. Menschen, die mir begegneten, verkehrten mit einer leeren Hülle. Nein, das wäre meinem früheren Ich unrecht getan, doch war die Hülle gerade mal zur Hälfte mit etwas gefüllt, daß als Charakter bezeichnet werden könnte. Alles änderte sich im OP, als mir auch die Depression herausgeschnitten wurde. Dieses tiefe und schwarze Geschwür, das mich in den Jahren immer stärker durchwuchs und in mir wucherte, die Lebensgeister, die noch atmeten, wurden bedrückt. Es war das männliche Element. Es ließ nichts neben sich stehen, es reichte nach einer nicht existenten Göttlichkeit, zerschlug dabei das notwendige Nebeneinander. Nachdem ich die Erkenntnis erfahren hatte, daß ich als Frau leben mochte, hatte ich die Koexistenz geprobt, hatte eine Vereinigung der weiblichen und männlichen Elemente in meiner Person versucht. Ein Fehlschlag. Das neue Wissen um die Möglichkeiten, die mir nun offenstehen konnten, wurde immer stärker. Und Michael erstarb oder besser: er verendete. Das letzte Stück Musik, das er vor seinem Tod hörte, hieß Refugees. Es war bezeichnend. Er war ein Flüchtling, er war nicht für die Ewigkeit gemacht.

Als ich die Frankfurter Straße runterlief, hörte ich mit einem Male eilende Schritte hinter mir. Es ließ mich einerseits kalt, denn Angst kannte ich nicht mehr. Doch wurde mit dieser Sinnesempfindung plötzlich die Erinnerung an mein altes Ich wiederbelebt, und damit wurde mir wieder ins Gedächtnis gerufen, daß ich einst diese Furcht gekannt und auch gelebt hatte. Die Schritte näherten sich, der Rock lag so wunderbar an meinen Beinen, die ich vorhin noch sorgfältig rasiert hatte. Ich fühlte mich so wohl in dieser Kleidung, die Netzstrümpfe, der spitzenbesetzte Schlüpfer. Die rechte Hand strich über meine schöne Oberweite, die genau nach meinem Wunsch inzwischen gewachsen war. Handlich, fest, nicht übergroß. Ein wohliges Seufzen entfuhr, als der gerade noch glückliche rechte Arm gepackt wurde. Ich fuhr herum, halb gezogen und sah einen Mann mit Strumpfmaske. Ich fick dich jetzt, bellte er mich an. Ich lächelte. Hier? Ist doch nicht dein Ernst, Süßer. Du kannst mich überall haben, warum soll ich mich hier mit dir im Dreck räkeln? Mach hier keine Zicken, Rock hoch. Meine Hand fuhr ihm zwischen die Schenkel. Er war unglaublich hart. Das Gefühl turnte mich an. Ein Zittern lief durch seinen Körper, ich spürte es weich an meinen Fingern. Komm, wir gehen zu mir. Ich mach keine Zicken, dafür fühlt sich das hier viel zu gut an. Du kannst auch gerne das Teil da auf deinem Kopf halten, aber dann ist das schlecht mit dem Knutschen, und das mag ich schon ganz gerne. Seine Hand hatte immer noch meinen Arm fest im Griff. Ich schob sie hinunter. Nahm ihn jetzt an der Hand, drückte mich ganz feste an ihn und flüsterte: Fahr mir unter den Rock, dann spürst du selbst, wie feucht ich schon bin. Das wollen wir uns doch nicht entgehen lassen. Meine Finger spielten in seinem Nacken, er ließ tatsächlich seine Hand unter meinen Rock gleiten, ihren Weg unter meinen Slip bahnen, über meine Klitoris gleiten. Als ich mich gegen seine Hand preßte und durch eine kurze Bewegung die Finger in mich gleiten lassen konnte, hörte ich ein kurzes Aufseufzen. Na? Bin ich eine schlimme Sünde wert? Kommst du jetzt mit? Er nickte nur. Zieh aber das alberne Teil von deinem Kopf! Nicht, daß hier noch einer sonst was denkt! Ich will jetzt nicht, daß noch was schief geht! Ich will, daß du mich gleich richtig gut durchfickst. Schnellen Schrittes ging es in Richtung meiner Wohnung, ich hatte meinen Ficker an der Hand. Und war nicht nur scharf und erregt, sondern auch fast glücklich. Auch wenn sich ein übler Unterton dazu mischte, war dieser Angriff eines Mannes der letzte Beweis war, daß ich als Frau in der Welt stand. Und ich war bis zum Äußersten bereit, diese Existenz auszuleben. Und mein Sexhunger wurde von Tag zu Tag größer, so kam es mir vor. Noch gestern Nacht, als ich von Sammy nach Hause kam, hatte ich vor meinem Flurspiegel gestanden, meinen aufreizenden Aufzug angesehen, gelächelt und mich ein Flittchen genannt. Mit viel Wärme, mit Sympathie. Hatte ein billige Hure hinterhergehaucht. Und dann vor Glück auf und ab gehüpft, vor dem Spiegel meinen Rock gelüpft und meinen Po gezeigt. Ich hatte Sammy dabei gerade mal einen Blowjob verpaßt, doch sein Gewehr wollte fast nicht aufhören zu schießen. Ich suhlte mich damit. Und nun hatte ich hier einen richtig schlimmen, bösen Jungen an der Hand. Einen Vergewaltiger. Schwarze Haare mit ganz leichtem Grau, kaum Bart, große Nase, fast ein Versprechen, wobei ich die Erfüllung schon befühlt hatte. Drahtiger Körper, aber durchdringende, stechende Augen, wie ich nun sah, da er zu mir herüber schaute. Mein Haus schon in Sichtweite. Ich heiße Chloë, und du? Er machte eine Pause, sah nach Rechts weg. Dann: Ist egal, nenn mich, wie du magst. Vielleicht Tony, oder so. Ah, du willst inknogito bleiben. Ist okay. Aber wenn du gut bist, dann will ich vielleicht, daß wir uns nochmal treffen. Du willst mich nicht mehr sehen, wenn ich fertig bin. Ich bin ein rauher Kerl. Ich weiß gar nicht, wieso ich hier mit dir mitkomme. Ich hätte dich da im Dreck ficken sollen. Komm schon, Tony. Ich bin eine richtig geile Schlampe, die es nicht hart genug kriegen kann. Aber ich bin nicht so eine Outdoor-Braut. Bist du so einer, der nach dem Abspritzen sofort abhaut? Auch. Wir sind da. Ich kramte den Schlüssel aus meiner Handtasche, öffnete, zog ihn durch die Tür. Eine Treppe hoch, dann wieder der Schlüssel und schon konnte ich ihn hineinstoßen. Er packte mich wieder hart an den Händen, dann die Schulter. Keine Mätzchen, Kleine. Keine Bullen, klar? Ich fick dich jetzt, und dann hau ich ab. Du magst das wohl, hier mit der dominanten Nummer, nicht wahr, Tony? Was, klar! Ich bin ein richtiger Kerl. Hmmm, dann bist ja hier genau richtig. Ich liebe es, von einem richtigen Wolf durchgenommen zu werden. Sein Griff an meinen Schultern wurde wieder heftiger. Dann geh mal runter, Kleine. Auf den Knien hockend, machte ich mich daran, seine Hose zu öffnen, den wirklich ziemlich dicken Schwanz auszupacken. Meine Lippen legte ich um seine Eichel, da stieß er den Prügel zwischen meinen Zähnen hindurch bis zum Rachen. Überrascht, die Augen aufgerissen. Und raus, und wieder rein. Meine Hände packten seine Schenkel und wieder raus. Und rein. Der Blick nach oben. Auch bei ihm. Sein Mund stand leicht offen. Die Augen aber doch geschlossen. Noch drei Stöße gab ich ihm. Ich rollte mich nach hinten weg, riss meinen Rock hoch, den Slip nach unten. Tony! Los steck ihn rein. Gibs mir, aber heftig. Los jetzt! Meine pralle Fotze strahlte ihn an. Soviel Laszivität schien er nicht zu kennen, denn er zögerte kurz, dann warf er sich auf mich. Rammte mir den Bolzen mit Hilfe seiner Hand direkt tief hinein. Ging sofort auf höchste Geschwindigkeit, stieß er, durchlöcherte er mich, bohrte er sich in meinen Bauch. Er hatte einen üblen Atem, voller alkoholischem Dunst. Ja, er keuchte und ich schloß die Augen, versuchte jetzt einen Genuß aus dem Fick zu ziehen, der sich aber eher nicht einstellen wollte. Die Vorstellung zuvor, die Geilheit, sie war stark, überwältigend, saftig. Aber das, was passierte, war nicht die Erfüllung. Es gab jedoch jetzt kein Zurück. Ich wünschte,er würde bald kommen und die Sache zum Ende bringen. Ich konnte nur keuchen: Fick meinen Arsch. Er stoppte sofort. Du Hure! Schrie er mich an. Dreh dich um! Er schlug mir dreimal mit voller Wucht die Hand auf meinen Po. Dann zog er die Backen auseinander und ließ seinen Schwanz fast zärtlich auf meiner Rosette nieder. Drang ein. Langsam. Blieb. Zog ihn raus. Etwas tiefer wieder, blieb. Noch etwas tiefer. Es schmerzte, es war geil. Dann schoß er. Du bist die geilste Hure von allen, die’s mir gegeben haben. Keine war so willig, du Arschschlampe. Zog ihn raus. Ließ wieder die flache Hand auf meinen Po sausen. Erhob sich. Zog die Hose hoch. Komm hoch, Hure. Du hast noch was verdient. Ich erhob mich, wie unter Hypnose, und tatsächlich knallte jetzt seine Hand in mein Gesicht. Drehte sich um, war zur Tür raus. Ich stand, hielt meine Wange, und war die Mensch gewordene Sprachlosigkeit.

Lange stand ich. Den Slip noch auf Höhe der Knie, der Rock zerknittert nach unten gerutscht. Dann, die Ewigkeit hatte gerade ein Ende gefunden, zog ich den Slip hoch, schlich zur Couch, ließ mich darauf sinken und starrte weiter in die Löcher, die ein Mann namens Tony gerade gerissen hatte. Mein Unterleib schmerzte an allen Enden, doch wußte ich, daß das vergeht. Aber meine Wange brannte, und an diesem Punkt hatte ich das Gefühl, daß jemand eine Grenze überschritten habe. Und überhaupt… hatte ich nicht gerade eine Vergewaltigung erlebt? Nein. Ja. Nein. Alle Sicherheiten plumpsten plötzlich wie eine punktierte Gummipyramide in sich zusammen. Und stürzten noch weiter, als ich den Kabelbinder auf dem Boden liegen sah.

Dieser Anblick schnürte mir mit einem Schlag die Kehle zu. In meiner Fantasie hatte ich das Tony-Szenario schon so oft durchgespielt, daß alles, was dabei von meiner Seite passierte, schon fast auf Autopilot lief und mein Gegenüber war wohl kaum darauf gefaßt, daß etwas genau so geschehen würde. Und nun wußte ich, daß er auch einen ganz anderen Plan ins Auge gefaßt hatte. Der Plan lag dort auf dem Boden und hatte eine mehr als eindeutige Botschaft. Keine Polizei, hatte er gesagt. Keine war so gut, wie ich, hatte er gesagt. Er sei ein rauher Kerl, hatte er gesagt. Maskiert war er gewesen. Einen Kabelbinder hatte er in einer Tasche gehabt. Mir wurde noch übler. Sein Griff war äußerst fest gewesen. Ich wußte letztlich gar nicht mehr, wie ich mir dieses Glück verdient haben konnte, daß ich in meiner Wohnung saß und lebte. So sehr Wange, Scheide, Po auch schmerzten, ich war glücklich, diese Schmerzen noch spüren zu dürfen. Morgen früh würde ich zur Polizei gehen. Ich konnte kaum glauben, daß ich die Erste gewesen sein sollte, die diesem Tony in dieser Form begegnet war. Und trotz dieser Entscheidung, wollte sich dieses heftige Schwindelgefühl einfach nicht mehr ausschalten. Ohnmacht nannte es sich. Ich kannte es, aus lange vergessen geglaubten Tagen. Und dann liefen auch plötzlich Tränen. Trauer. Wut. Hass.

Als ich in und mit der Angst lebte. Als mein Name der drückende Erzengel war, der mir mit seinen breiten Schultern im Genick saß. Er brachte keinen Glauben und keine Beruhigung in mein Leben, im Gegenteil, er lastete. Und die Angst. Woher sie kam? Will ich das heute noch wissen? Ich lebe doch in der Gegenwart und habe mich damals lange genug damit geplagt, den inneren Rissen gerecht zu werden, sie zu verpflegen, obwohl ich spürte, daß sie nur noch weiter wachsen möchten. Es war noch lange, bevor ich wußte, daß ich eine Frau bin. Zuvor riß meine Haut, immer wieder einmal, unter Messerschneiden. Woher die Angst kam? Diese Frage konnte jener Michael, der einmal ich war, während seiner Existenz nie wirklich beantworten. Er fand es nie heraus. Es schien ihm auch eher ein Mosaik an Möglichkeiten zu sein, als eine klare und definierte Antwort. Diese gab es nicht. Und das Mosaik selbst spiegelte auch, je nach Blickrichtung, verschiedenste Farben wider. Es schien ihm auch, als sei es nicht so, daß eine oder mehrere Personen ihn mit der Angst gefüllt oder alleine gelassen hatten, nein. Oder wollte er mit dieser Sichtweise Wahrheiten aus dem Weg gehen? Bitteren Wahrheiten? Schon als Kind war Michael eher der zurückhaltende Typ, eher der traurige, am Rand stehende, an den Rand geschobene. Oft auch gerne verlacht. Eines der meistgehörten Schimpfwörter, das ihm begegnete, war der Weiberheld. Der kleine Michael stand oft auf Seiten der Mädchen, wenn diese zu verteidigen waren. Warum nannte man ihn dann nicht einen Ritter? Warum wurde ihm damals schon von außen das Weibische angehangen? Was sahen die offensichtlich klarsehenden Kinder im kleinen Michael, was dieser später dann lange Jahre verdeckte, versteckte und unterdrückte? Wenn auch von beiden Seiten wohl nicht bewußt. Oder? Hatte sich der kleine Michael nicht damals schon gewünscht, ein Mädchen sein zu dürfen? Ja, wenn er ehrlich zu sich war, in den Jahren, die folgen sollten, dann mußte er es einsehen. Er wollte schon immer die Seiten wechseln und hätte es früher getan, wenn nicht die Angst ihn immer blockiert hätte. Ja, Schüchternheit sieht von außen so lieblich aus.

Wie lange halte ich dem Druck noch stand? Es laufen die Tränen zusammen in den Brunnen der Seele, und füllen sich dort zu einem Gewicht, einer Gewichtigkeit, zu Steinen, zu Massen, zu Lasten

zu Schreien, die verhallen in der Ruhe meiner Hände und Finger

die halten, standhalten, festhalten, die Klinge halten und führen, berühren, die Ruhe meiner Finger und Hände, die Ruhe, die Ruhe, die Zähne, die beissen, aufeinanderbeissen, zerreissen und auseinanderreissen, zerbeissen, der Schmerz, der Schmerz, der Schmerz nimmt in diesem Momente überhand und zwingt für die kürzeste Zeit den Druck in seine Knie, überflutet von den Strömen meines Blutes. Es kühlt mich. Die Momente.

Michael war mit einer seiner beiden Großmütter zu Fuß unterwegs. Der Sommer lag in der Luft und der Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, saugte die Eindrücke in sich auf. Die Weite, der blaue Himmel, die teils gemähten Kornfelder, das leichte Flirren der Hitze. Sie wurden noch begleitet von einer leicht älteren Cousine Michaels, die sich aber später aus seinen Erinnerungen an diesen Tag verabschiedete. Gemeinsam spazierten sie über Feldwege, einen Kreis um Michaels damaligen Heimatort, voller Sorglosigkeit und Freiheit. Gegen Abend kehrten sie noch bei Bekannten der Großmutter ein. Dieser Tag wurde zum Symbol der Kraft und der Freude des Sommers, eines idealen und beseelten Sommers, eines Sommers, der alle dunklen Wolken zerschlägt. Die Sommer kamen und gingen in den folgenden Jahren, doch ein solcher kehrte nie wieder und so mochte es nicht verwundern, wenn spätestens der zwanzigjährige M. begann, dieser Jahreszeit zu mißtrauen. Es wurde ihm auch zuviel nackte Haut in jener Zeit gezeigt.

Der junge Michael saß oft in seinem Zimmer und vertrieb sich die Zeit mit Grübeleien, Gedankenexperimenten, Träumereien, Erfindungen und eingebildeten Interaktionen mit anderen menschlichen Wesen. Wozu mag dieses Treiben für Michael Warburg erfüllend gewesen sein?

Es wurde zu einer langen Nacht für mich. Ich versuchte immer wieder zur Raison zu gelangen, mich zu beruhigen, tief durchzuatmen. Die Türe hatte ich besonders verriegelt, die Rollläden geschlossen, was ich sonst nie tat, denn ein Blick auf den Sternenhimmel war für mich etwas besonderes, wohltuendes, worauf ich ungern verzichtete. Und der Schlaf wollte nicht kommen. Er hielt sich fern von mir, als fürchte er meine Nähe, die noch immer voller Schmerzen war, und als ich dann doch in eine Art von Besinnungslosigkeit gefallen war, tauchten die Bilder auf. Ein Traum? Ich war wieder ein Schwertträger, beugte mich immer wieder über das Gesicht einer jungen Frau, war atemlos. Schwitzend. Immer wieder aufsteigend, absteigend, dann wieder diese angsterfüllten Augen, in die ich blickte. Es war kein Spiegel. War es ein Spiegel? Was war mit dieser Frau? Ich begann mich in einen grauen Nebel zu lösen, blickte aus Fenstern, blickte aus Zügen, sah Bücherseiten, ohne Worte erkennen zu können, und erwachte – noch im Traume – in einem Krankenhauszimmer, mich befühlend und in ein Lächeln überführend. Nun versank ich endlich in einem tiefen Schlaf, sank auch der Puls in meinen aufgeheizten Adern. Bis auch hier die fremde Frau sich in meine Imagination hineinschlich. Ihr Blick zu Boden gesenkt, so folgten meine Augen und sahen den blutüberströmten Unterleib. Ich erschrak so massiv, daß ich nach Luft schnappend auffuhr. Ich saß in einem verdunkelten Zimmer und zitterte. Es war Zeit, mein Leben wieder an mich zu reißen.

Ich begab mich, noch leicht umwölkt von den Schrecken der Nacht, in mein Badezimmer und begann die allseits beliebte Chloë Warburg wieder zu beleben. Und mit dieser Arbeit, die keine war, sondern pures Vergnügen, das nie lange genug dauern konnte, wurde auch mein wieder leicht gebeugter Michi-Rücken wieder gerade, sah ich im Spiegel, wie sich meine Lebensfreude wieder aufplusterte und zu atmen begann. Als ich nach dem Auftragen des Lidschattens das Vergnügen beenden mußte, griff ich zu meinem Mobile und rief Sabrina an, die seit einigen Wochen mir im Chez Chloë zur Hand ging. Ich ließ sie wissen, daß ich ihr später alles berichten würde, doch müßte ich noch zur Polizei, um dort Informationen los zu werden. Ich spürte ihre Neugierde über die Entfernung, beendete aber das Gespräch, schlüpfte in meine Wohlfühlkleidung und war nach dem prüfenden Blick in den Spiegel aus der Tür. Ein Gedanke ging mir durch den Kopf, ob diese Schnelligkeit nun noch ein Rest männlichen Pragmatismus sei? Er zwang mir ein kurzes Lächeln ab, denn in meiner Situation konnten mir diese Reste an Männlichkeit nicht mehr gefährlich werden. Jedenfalls im meinem Inneren war es zu spät für diese Angst. Diese Zeit war um.

Ich schritt durch die Türe zur Polizeiwache und fühlte mich mit einem Schlag um mindestens dreißig Jahre zurückversetzt in das untere Holzfurnirium, doch hingen keine RAF-Fahndungsplakate mehr aus. Nur war dieser Raum herrlich lichtdurchflutet und damit waren im Nu ausstatterischen Fehler vergeben, obwohl sich meine High Heels nicht wohl auf diesem gummiert, psychedelischen Plastikboden fühlten. Was hatte die Schöpfer dieser vielfältig verteilten Optiksünde bloß geritten? Oder vielmehr wer hatte sie geritten? Menschen können so grausam sein. Und das bezog sich nicht nur auf jenen Tony, den ich hier melden wollte. Da nahm ein durchaus schmucker, junger Polizist meine Aufmerksamkeit in Anspruch, der sich erhoben hatte und mich einladend anblickte. Ich trat an das Empfangspult und meldete: Ich möchte mich an Ihre Dienststelle wenden wegen einer Vergewaltigung. Der junge Polizist blickte mitleidig, schien mir. Doch bezog sich das Mitleid wohl eher auf seine Aussage, daß die Frau Diensberger heute nicht da sei. Sie pflege sich um die Aufnahme dieser Fälle zu kümmern. Ich schüttelte den Kopf und erwiderte: Ich kann auch gerne mit einem Kollegen sprechen, das ist kein Problem für mich. Ich will auch keine Anzeige erstatten. Aber ich befürchte, daß ich Informationen habe, die für Sie wichtig sein können. Der putzige Beamte erbat sich einen Moment, verschwand in einem Hinterzimmer, wobei er auf dem Weg zur Tür den Kopf auffällig hin und her wiegte. Ich strich meinen Rock zurecht, und suchte den Raum nach einer spiegelnden Fläche ab, um meine Frisur zu untersuchen. Nein, dies war keine Welt der Äußerlichkeit, hier gab es keine Reflektion. Schon wieder trieb mir ein Gedanke ein Lächeln über das Gesicht. Der junge Herr kehrte bereits zurück und brachte mit sich einen großgewachsenen, hageren Mann mit klar definiertem Eulengesicht, der wohl schon durch Alter und Profession etwas gebückter ging, als seinem Rücken gut täte. Er stellte sich als Hauptkommissar Sturz vor und bat mich, ihm in sein Büro zu folgen. Er öffnete mir die Tür. Solches Verhalten beförderte mich auch nach Monaten noch umgehend in den Mädchenhimmel. Ich nahm Platz, schlug die Beine übereinander, strich den Stoff glatt und blickte den Kommissar erwartungsfroh an, wie er mein Wissen nun bergen mochte. Doch lag gerade mal ein leeres Blatt Papier vor ihm, auf dem ebenso fast leeren Schreibtisch. Der Rest des Raumes war jedoch von Bergen an Akten überflutet. Herr Sturz nahm nun meinen Blick gefangen. Wie ist ihr Name? Chloë Warburg. Der Name notiert, fing mich wieder der Eulenblick ein. Sie haben meinem Kollegen mitgeteilt, daß Sie Informationen über einen Vergewaltigungsfall mitteilen möchten. Ja, das ist richtig. Ich habe am gestrigen Abend eine höchst unerfreuliche Begegnung mit einem Mann von circa vierzig Jahren erleben müssen, die man eventuell als Vergewaltigung bezeichnen kann. Die Bezeichnung ist jetzt nicht so wichtig, ich möchte, wie ich schon Ihrem Kollegen mitgeteilt habe, keine Anzeige erstatten. Doch bin ich mir ziemlich sicher, daß dieser Mann das nicht zum ersten Mal in seinem Leben getan hat. Er machte solche Bemerkungen, als er fertig war. Und er hatte einen Kabelbinder aus seiner Tasche verloren. Da blickte Sturz auf. Sein Blick war hochkonzentriert. Einen Kabelbinder, sagen Sie? Ja. Ich beförderte das Stück aus meiner Tasche. Es war von mir mit Handschuhen in ein Plastiktütchen verpackt worden, damit eventuelle Fingerabdrücke noch zu bergen seien. Ich schob es über den Tisch in Richtung meines Gegenüber, der die Tüte interessiert aufnahm und anblickte. Ja, ich bin mir sicher, daß dieser Mann kein Ersttäter ist. Und wenn es der Mann ist, von dem ich befürchte, daß Sie ihm gestern Abend begegnet sind, können Sie von Glück sagen, daß Sie heute hier vor mir sitzen. Aber erzählen Sie mir erst einmal genau, was gestern Abend geschehen ist. Versuchen Sie sich bitte an alle Einzelheiten zu erinnern. Wir können uns für die Aufnahme Ihrer Erinnerung gerne auch viel Zeit lassen. Wichtig ist, daß wir eine umfassende Zusammenstellung aller Fakten kompilieren können. Er stützte seine Arme ab und blickte mich erneut mit voller Konzentration an. Ich begann ihm zu berichten. Zwischendurch erbat ich mir eine kurze Pause, um Sabrina mitzuteilen, daß es möglich sei, daß ich heute nicht mehr in den Laden kommen könne. Ihre Neugierde wurde noch greifbarer, doch ließ ich sie weiterhin gerne schmoren. Mit einem Lächeln. Ich mochte sie gerne, aber ich liebte meinen Spaß, sie zappeln zu hören. Das kein Spaß hinter der ganzen Geschichte steckte, konnte ich dadurch nur besser verkraften. Es ging weiter in meinem Tete-à-Tete mit Kommissar Sturz. Ich berichtete, er schrieb den ersten Zettel voll. Es folgten zwei weitere, bis ich zum Ende gekommen war. Die Eule sah mich nach diesem langen Monolog erst einmal schweigend an. Ich genoß diese Stille, trank einen Schluck Mineralwasser, das der junge Beamte zwischenzeitlich serviert hatte. Sie haben ihn erlebt, Frau Warburg. Und wie ich schon vorhin bemerkt habe, haben Sie enormes Glück gehabt. Sie haben ihn in seiner Gründlichkeit verwirrt, er hat sein Trieberlebnis gehabt und alles andere ist ihm entglitten. So, wie der Kabelbinder, den Sie gefunden haben. Ich weiß nicht, was Sie dazu bewogen hat, sich genauso zu verhalten, aber das war Ihr Schlüssel zum Glück, Frau Warburg. Denn wir sind diesem Mann auf der Spur, und haben bisher so gut wie nichts in die Finger bekommen. Wir schreiben ihm fünf Vergewaltigungen zu, von denen vier tödlich endeten für die Frauen. Eine Frau hat die Tat überlebt. Sie konnte am Rande eines Waldstücks, wo der Täter ihr Gewalt antat, die Flucht ergreifen. Er ist über eine Wurzel gestürzt und sie konnte ihm entkommen. Für die Situation der Überlebenden verständlich, hat sie sich, erst einmal in Sicherheit, lange Zeit abgeduscht, doch sind für uns dadurch sämtliche verwertbaren Spuren vernichtet. Die Tatorte selber sagen uns nichts, denn der Unbekannte ist ein penibler Charakter. Er ist impulsiv und unberechenbar, was seine Opfer anbelangt, er bevorzugt keinen festen Frauentyp. Aber nach der Tat schaltet er auf Sicherheit und beseitigt alles, was auf ihn zurückführbar ist. Sie erwähnten, daß er Handschuhe trug? Ich nickte. Aber er hat kein Kondom benutzt? Ich schüttelte den Kopf. Erlauben Sie uns eine Untersuchung? Ich nickte. Gut, ich werde sofort eine Befundung anordnen. Ich hoffe, daß bereitet Ihnen jetzt keine Unannehmlichkeiten, Frau Warburg? Nein. Ich war mir ziemlich sicher über das, was mich hier erwartet, und ich bin mir sicher, daß ich mithelfen will, soweit ich kann, diesen Menschen hinter Gitter zu bringen, für das, was er uns antut. Aber Sie wollen selber keine Anzeige aufgeben? Sind Sie sich darüber sicher? Wir können natürlich Ihre Angaben für die Arbeit an diesem gesamten Fall verwenden, um die Person des Täters zu entschlüsseln, aber sehen Sie, wenn wir Ihren Fall auf der Basis einer Anzeige bearbeiten könnten, dann hätten wir größere Möglichkeiten mit Hilfe der Ergebnisse Ihrer Untersuchung den Täter auch vor Gericht an Hand dieser Indizien dingfest zu machen. Aber ich sehe, Sie sind sich da noch unsicher. Sie müssen das auch nicht jetzt entscheiden. Kommissar Sturz schien zu lächeln. Sie haben für eine Anzeige noch zwanzig Jahre Zeit. Wichtig ist jetzt erst einmal, daß die Spuren gesichert werden. Möchten Sie diese Untersuchung bei Ihrem Frauenarzt machen lassen? Oder ist Ihnen die Klinik lieber? Eine Kollegin kann Sie fahren, und sich dabei um die Papiere kümmern. Dann ist der Zeitaufwand für Sie geringer. Ich dankte ihm und ließ mich in das nahe Krankenhaus bringen. Unterwegs, im Fond des Dienstwagens, ließ ich meinen Blick über die vorbeirauschende Umgebung gleiten. Ich spürte, daß der emotionale Autopilot, der mich am heutigen Morgen vielfach weiterführte, langsam an Kraft verlor. Ich wußte, daß Kommissar Sturz Recht hatte, und daß ich auf jeden Fall den gestrigen Abend zur Anzeige bringen müßte, doch fürchtete ich mich davor mehr, als vor der Tat selbst. Mein aktueller Status als Zeugin schien mir mehr Schutz zu bieten, doch wußte ich nicht wovor. Auch nicht warum ich Schutz bräuchte. Ich war doch eine starke Frau? Oder war ich das seit gestern nicht mehr? Ich wußte, es war etwas Übles passiert, schließlich war ich dabei gewesen, gleichwohl war ich nicht der Auslöser des Geschehens, nur das Opfer. Wieso fühlte ich mich unwohl? Wieso mußte ich mich schlecht fühlen? In diesem Moment stiegen mir Tränen in die Augen. Tränen aus Trotz und aus Wut. Nun bemerkte mich, daß die junge Fahrerin mich kurz im Spiegel betrachtete. Ohne ihren Blick weiter vom Verkehr zu lösen, sprach sie: Egal, was sie jetzt gerade denken: Es ist nicht Ihre Schuld. Ich weiß, worum es in Ihrem Fall geht. Ich tupfte die Tränen vorsichtig mit einem Taschentuch ab, griff meinen Taschenspiegel, um den Schaden zu betrachten, der sich noch in Grenzen hielt. Danke, erwiderte ich. Aber wissen Sie, ich fühle mich nicht so sehr schuldig. Ich fühle mich beschädigt und nachhaltig verletzt. Mit Zweifeln gefüllt, die ich schon lange überwunden haben wollte. Die Fahrerin nickte und schwieg. Wir erreichten die Klinik und meine Begleitung führte mich in die Gynäkologie.

Die Gänge schienen kein Ende mehr nehmen zu wollen, bis wir endlich unser Ziel erreichten. Die Hand der Fahrerin auf meiner Schulter, nahm mir durchaus eine Handvoll der Angst, die sich inzwischen in meinem Bauch gesammelt hatte. Mit Schrecken war mir wieder bewußt geworden, wo ich mich würde untersuchen lassen müssen. Nicht, daß ich mich vor meinem Spiegelbild dafür schämen würde. Wenn mir die Lust danach stand, wandte ich meinem jeweiligen Partner den Rücken zu und lächelte allerliebst. Sucht mir einen Mann, der da nicht schwach würde, wenn kein anderer zusieht! Ja, es mag sie geben. Jedoch an dieser Schwelle, an diesem Ort, wo die Öffentlichkeit mich unter die Lupe nehmen würde, da wuchs eine Scham in mir. Da schien mir auch die Entschuldigung, daß ich Opfer einer Vergewaltigung sei, etwas schwächlich, um die anklagende Kraft der Augenblicke, die ich befürchtete, zu hemmen. Meine Begleitung sprach die Rezeptionistin leise an. Sie bat uns, ihr in den angrenzenden Raum zu folgen. Dort wurde die Aufnahme der Formalitäten begonnen, wobei die Empfangsdame kurz der diensthabenden Ärztin Bescheid gab, daß es einen Notfall gäbe. Frau Dr. Häberle kam in den Nebenraum, nahm mich dort in Empfang und leitete mich in den Untersuchungsraum. Dort stand der Stuhl, den viele meiner Schwestern nicht mögen, der mir vor Monaten fremd und surreal vorkam, als ich darauf zum ersten Mal Platz nehmen durfte. Es erregte mich damals, und zu meinem Glück wußte mein Frauenarzt, warum das so war und er lächelte, um hinzuzufügen: Das vergeht, Frau Warburg. Womit er natürlich vollkommen Recht hatte. Nun setzte ich mich jedoch ungefragt auf einen einfachen Stuhl, was Dr. Häberle etwas irritierte. Sie setzte sich zum mir: Brauchen Sie noch etwas Zeit? Nein, das ist es nicht. Aber vielleicht sollte ich Ihnen erst einmal kurz berichten, was bei dieser Geschichte alles passiert ist. Dr. Häberle hob den Kopf an. Ach so, ich verstehe. Es handelt sich also nicht um reinen Vaginalverkehr? Ich nickte. Das stellt für mich kein Problem dar, wir sind hier auf alles vorbereitet. Dafür brauchen Sie sich auch nicht zu schämen. Wenn Sie sich nun bitte frei machen? Frau Dr. Häberle legte sich ihr Instrumentarium zurecht. Bitte setzen Sie sich nun. Ich tat, wie mir gesagt, während sie auf den Stuhl wies. Einen Moment später: Das war nicht ihr erster Analverkehr, oder? Nein. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich werte nicht. Ich beobachte nur. Davon wird auch nichts in der Befundung erwähnt, da brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Mein Mund war trocken. Frau Doktor? Ja? Ich war siebenunddreißig Jahre lang ein Mann. Nein, Frau Warburg, sie brauchen sich wirklich nicht zu rechtfertigen. Sie müssen auch nichts erklären. Es ist alles gut. Ihre Hand auf meiner Schulter. Aber ich möchte meine Arbeit hier so genau wie möglich machen. Und dazu muß ich meine Beobachtungen auch mit Ihnen kommunizieren, verstehen Sie? Das Sie ein Mann waren, ist für mich im Moment völlig belanglos. Wenn Sie sich durch die Geschlechtsumwandlung glücklicher sind, dann freut mich das. Auch wenn Ihnen dieses Erlebnis womöglich erspart geblieben wäre? Oh, dafür bleiben mir andere schlimme Erlebnisse erspart, die ich als Mann mit Sicherheit noch vor mir gehabt hätte. Meine Stimme hatte ein leichtes Lachen transportiert. Nun, der Kommissar meinte, ich hätte Glück gehabt. Ich sehe das auch so. Ich bin eine glückliche Frau. Jetzt. Auch nach dieser Nacht. Ich werde eine glückliche Frau bleiben, das will ich erreichen. Und ja, ich mag manchmal Po-Sex. Ich stehe dazu. Damit habe ich angefangen vor drei Jahren, als mir mehr und mehr klar wurde, wo ich als Mensch hin will. Frau Dr. Häberle führte derweil die Untersuchung weiter, die mich zu manchem gekeuschten Wort zwang. Sie nahm inzwischen den Vaginalabstrich vor, und strahlte immer mehr Wärme auf mich ab. Sie können sich wieder ankleiden, Frau Warburg. Und noch einen Rat: Sprechen Sie nicht so offen über Ihre Geschlechtsumwandlung. Und Ihre Sexualvorlieben. Ich habe damit weder ein Problem, noch hege ich irgendwelche Vorurteile. Aber Sie können sich sicher sein, daß ich damit nicht zum Mainstream gehöre. Die meisten Menschen kommen damit nicht klar, machen sich auch keine Vorstellung über die Lust, über die Nöte, über die Möglichkeiten alles Sexuellen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie wirklich eine glückliche Frau bleiben werden. Sie streckte mir die Hand entgegen, die ich gerne ergriff. Danke, Frau Doktor. Seien Sie tapfer. Damit führte sie mich wieder zu meiner Fahrerin zurück. Mit dieser ging es zurück zu Kommissar Sturz und einem Phantombildzeichner, die mich erwarteten. Diesem diktierte ich meine Eindrücke in die Tasten, die innerhalb erschreckend kurzer Zeit das Gesicht Tonys auf den Bildschirm zauberten und mir eine Enge in den Hals brachte. Ich streckte mich und atmete tief gegen die Inbesitznahme meines Inneren. Ja, das ist er. Das ist der Mann, der sich Tony nennt. Kommissar Sturz, der dieser Sichtbarmachung beigewohnt hatte, wurde Geschwindigkeit. Gut, verteilen an alle Streifen. Halten wir die Augen offen. Der Digitalzeichner erhob sich und verabschiedete sich. Ich stand alleine in einem Polizeibüro. Allein. Sehr allein.

Eine Stunde später betrat ich, aufgefrischt und äußerlich beruhigt, meinen wunderschönen Laden. Jedes Betreten dieser kleinen Welt an Kleidung, vor allem für den feminin fühlenden Mann, war ein gelebtes Aufatmen. Und wie freute ich mich, mit Sabrina einen Menschen zu sehen, in dessen Nähe ich mich wohl fühlte, von der ich wußte, daß sie mir Freundschaft entgegenbrachte. Sie kam auch gleich auf mich zugelaufen, denn im Moment waren wir beide alleine im Chez Chloë. Oh, Süße! Wo hast Du denn bis jetzt gesteckt? Du hattest gesagt, Du müßtest zur Polizei? Was ist bloß passiert? Ich war in ihren Armen, preßte mein Gesicht an ihre Schulter. Dann, gestärkt, blickte ich sie an. Ich habe gestern Abend ein böses Erlebnis gehabt. So was wie eine Vergewaltigung. Na, ein Typ mit Strumpfmaske packt mich, als ich zu Fuß nach Hause unterwegs war. Sabrina blickt, wie zu Tode erschrocken. Ich habe ihn dann mit zu mir genommen und gemacht, was er wollte. Als er fertig war, ist er abgehauen. Er hat aber einen Kabelbinder verloren. Mit dem bin ich heute morgen zur Polizei, und die haben mir gesagt, daß ich höchstes Glück hatte. Sabrina hatte inzwischen einen Ausdruck höchster Fassungslosigkeit aufgelegt. Erneut nahm sie mich fest in ihre Arme. Oh nein, Süße! Das ist absolut unglaublich! Wie konnte das nur passieren? Ich erwiderte nur: Pech. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie ließ mich los und setzte sich, was ich ebenfalls tat. Wie kamst du nur darauf, den Typen mit zu dir nach Hause zu nehmen? Das ist absolut unglaublich! Das würde ich nie tun! Ich sah sie an. Sie schüttelte immer noch ihren Kopf. Das war nur ein Impuls. Ich habe da nicht lange drüber nachgedacht. Aber das hat den Typen wohl ziemlich aus dem Konzept gebracht, denn er hat seine Maske ausgezogen und ich konnte heute Morgen dann der Polizei eine sehr detaillierte Beschreibung abgeben. Ja, und was machst du, wenn der Kerl wiederkommt? Der weiß doch jetzt, wo du lebst? Der wird erst mal nicht bei mir vorbeischauen. Bevor der merkt, daß ich ihn verpfiffen habe, sitzt der im Knast. Und da kommt der auch erstmal nicht raus. Der soll schon fünf Frauen vergewaltigt haben und davon vier umgebracht. Oh nein! Aber das wußte ich ja gestern nicht, Sabrina. Sie immer noch ganz blaß, erwiderte, daß sie nicht wüßte, wie sie sich verhalten hätte. Sie glaubte, daß sie einfach nur zu Stein erstarrt wäre und nichts mehr getan hätte. Ich sah sie an. Ja, sie schien schon jetzt zu Stein erstarrt.

Aber so habe ich es irgendwie hinbekommen, auf eine Art offensiver Verführung zu schalten und fast locker zu bleiben. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, fällt aber immer wieder alles Selbstbewußtsein wie ein Kartenhaus zusammen. Dann fühle ich mich total nackt in einer Fußgängerzone. Dann mußt du auch vor Gericht gegen den Kerl? Ja, vermutlich, aber höchstens als Zeugin. Ich habe keine Anzeige erstattet. Was? Warum!? Na, ich weiß nicht, du. Ich möchte da lieber im Hintergrund bleiben, so weit das geht. Ich als Transsexuelle. Hat auch die Frau Doktor im Krankenhaus gesagt, daß ich da lieber eher mal drüber schweigen sollte, da hätten zuviele Leute kein Verständnis für. Verstehe. Aber ist dann das alles überhaupt etwas wert? Ach, da lassen wir die Polizei mal machen. Die müssen den jetzt erst mal fangen.

Ich zog mich in mein Büro zurück, während Sabrina ihre Arbeit im Shop weiterführte. Ich starrte die Wand an. Meine Hände lagen auf meinen Beinen, wie festgezurrt. Ein leichtes Würgen saß mir in der Brust fest. Ich versuchte mich zu erinnern, als ich hier in diesem Laden die erste Einladung zu einem Date erhalten hatte. Lothar war sein Name gewesen. Er war der neue Vertreter eines Bekleidungsvertriebs gewesen, der uns seine Aufwartung machte und sofort mit Komplimenten um sich warf, zumal er auf einen Michael Warburg vorbereitet gewesen sei. Er mutmaßte, ich müsse wohl die jüngere Schwester sein. Ich trug an jenem Tag ein dezentes Kostüm, hatte mich aber dafür erstmals erfolgreich um einen gelungenen Lidschatten bemüht. Auch die Lippen hatten mir im Spiegel auszunehmend gut gefallen. Ich war gelöst und glücklich im Laden angekommen, und nun stand ein schmeichelnder Vertreter vor mir. Das machte mich zwar skeptisch, denn ich wollte mir nicht auf diese Art und Weise unnütze Ware aufschwatzen lassen, denn wir führten schließlich ein spezialisiertes Sortiment. Das schien auch jener Lothar zu verstehen, nachdem ich die erste Allerweltsware in seinem Katalog ablehnte. Da blätterte er von sich aus direkt einen ganzen Schwung Seiten nach hinten und seine Hand lag auf der meinen. Ich zitterte nicht. Ich blickte ihn in die Augen. Er zog zurück und wollte sich entschuldigen, doch ich kam ihm zuvor und ließ ihn mich zum Essen einladen. Er wirkte gleichermassen erleichtert, wie erfreut. Ich hingegen wußte nicht so recht, wie mir geschah. Ich hatte mich selbst überrascht. Jener Lothar war nicht unattraktiv, doch fühlte ich mich plötztlich etwas fremd in mir. Durften Frauen so handeln? Sich einfach ein Date erschleichen? Ich würde mich später mit Sabrina besprechen, aber erst einmal daran festhalten. Schließlich war ich unabhängig, und hatte auch schon vor meiner Operation bemerkt, daß ich Gefallen an Männern fand. Es war für mich jetzt an der Zeit, in meiner neuen Haut ein Liebesleben auszutesten, oder sogar vielmehr ein Lebenszeichen an die Welt zu senden. Und ob das mit diesem Lothar begänne, war schließlich noch lange nicht ausgesprochen. Er würde auf jeden Fall nicht der erste Mann sein, mit dem ich Sex hätte, doch es wäre das erste Mal, das ich als Chloë mit einem Mann intim sein würde. Angst und Erregung hielten sich eine feine Waage. Die Erinnerungen an die beiden Male vor der OP, mochte ich auch gerne übertünchen. Es waren erniedrigende Erfahrungen gewesen. So saß ich in meinem Büro, blickte aus dem Fenster und versuchte den inneren Blick des Mannes, der sich Tony nannte, zu verdrängen. Sabrina hatte mir damals ziemlichen Druck verursacht. Sie unterstellte mir, ich würde mich immer noch wie ein Mann benehmen. Als Frau gäbe man sich nicht so schnell hin, es ginge um ein gewisses Maß an Ehre und Achtung für sich. Sie konnte nicht mehr aufhören, ihren Kopf zu schütteln. Ihr Gesichtsausdruck war angespannt, als ginge es um die Beschwichtigung internationaler Krisenherde. Das Wort „billig“ tauchte in ihrer Predigt immer wieder auf. Meinen Einwand, daß im Grunde genommen, diese Entscheidungen doch individuell zu treffen seien, wischte sie brüsk beiseite mit den Worten: „Dann nimm auch gefälligst Geld dafür!“ So sehr hatten wir uns vorher noch nie gestritten. Vielleicht lag es auch daran, daß der arme Lothar dann auch umsonst das teure Essen bezahlte. Er bekam nur eine angeregte Unterhaltung als Gegenleistung. Das wurde am nächsten Tag von Sabrina auch anerkennend gewürdigt. Doch hatte ich dafür auf die Zähne beissen müssen. Jedenfalls waren Sabrina und ich uns einig, daß ich nun von der Nachfrage zum Angebot gewechselt sei, und daß ich genau entscheiden müsse, zu welchen Konditionen ich die Nachfrage befriedigen würde. Ein seltsamer Gedanke, doch fühlte ich, daß er Hand und Fuß habe. Und so saß ich zurückgezogen in meinem Büro, und war ein Raubopfer geworden. Warum konnte ich den Dieb nicht anzeigen?

Das Telefon klingelte. Ich nahm ab. Sturz, die Eule sprach mich an. Ich antwortete, abwesend. Strich mit der rechten Hand immer wieder über den Oberschenkel, den Stoff zu glätten. Sturz, die Eule wolle mich mit dem überlebenden Opfer bekannt machen. Er würde mich abholen. Willenlos sagte ich zu, legte auf und ging in den Laden zu Sabrina. Ich war in diesem Moment froh, daß keine Kundschaft anwesend war. Weinend warf ich mich in ihre Arme. Selbst das Kitzeln ihrer Locken an meiner Nase konnte meine Tränen nicht stoppen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der sie mich nur festhielt und über den Kopf strich, flüsterte sie mir zu, daß ich es schaffen würde, mit diesem Schwein fertigzuwerden. Sie würde mir helfen, so gut sie könne. Das sei ein Versprechen. Gerade in diesem Moment ging die Tür, aber es war nicht die Eule, sondern ein Stammkunde. Colin, den ich kurz vor meiner Operation in einer Gesprächsrunde kennengelernt hatte, sah mich, schlug die Hände vor sein Gesicht. Was denn bloß mit mir passiert sei? Auch er nahm mich eilend in die Arme, als Sabrina für mich von der vergangenen Nacht berichtete. Ich konnte immer noch nicht die Tränen einhalten. Der Druck, den ich tief in mir plötzlich fühlte, er war so massiv, daß mir teils der Atem stockte. Vor der Tür strahlte inzwischen die Sonne, als sei die Welt von allem Übel reingewaschen. Sabrina flüsterte mir ins Ohr, daß ein ihr unbekannter Mann sich der Tür näherte. Ich löste mich von Colin, erkannte die Eule und der Fluß der Tränen stoppte. Zunächst. Hauptkommissar Sturz trat in mein Himmelreich ein, stellte sich vor und bat mich ihm in sein Fahrzeug zu folgen. Ich tat, wie mir geheissen. Und spürte, daß ich in jenem Moment Fassung und Willen wieder etwas stärker mein Eigen nennen konnte. Ich könnte auch sagen: Ich habe den Hebel des Autopiloten wieder gefunden.

Wir waren unterwegs zu einer Frau mit dem Namen Lily Thomas. Sie hatte als vermeintlich Einzige Tony vor mir überlebt, doch war es in ihrem Fall Glück, dachte ich zunächst. Andererseits war es letztlich purer Dusel, das meine Show so ein glückliches Ende genommen hatte. Das sich der Vergewaltiger so austricksen ließ. Ich atmete wieder einmal tief durch. Es war mir ein Bedürfnis geworden in den vergangenen Stunden, seit die Tür sich am gestrigen Abend hinter dem Räuber meiner inneren Ruhe geschlossen hatte. Wir fuhren durch die Stadt. Ich saß im Fond, die Hände im Schoß. Die Eule als Beifahrer, ein junger Beamter am Steuer. Die Eule sprach ein wenig über die bisherigen Erkenntnisse über den Täter, sein Profil. Lily Thomas hatte wohl wenig über die Person an sich beitragen können, nachdem sie sich der Polizei anvertraut hatte. Ihre Vergewaltigung hatte ebenfalls zu später Stunde stattgefunden. Sie war am Stadtrand, auch unweit ihrer Wohnung, von jenem Mann aufgegriffen, und nachdem er ihr ein Klebeband über den Mund gezogen hatte, in den nahen Wald gezerrt. Dort hatte er sich schon schnell an ihr vergangen, sie dabei mit Macht, Stärke und aggressiver Gewalt zum Stillhalten gezwungen und als er nach dem ersten Akt nach einem Utensil suchte, um sie zu binden, hatte sie die Gelegenheit erkannt, ihm, der sich nach vorne beugte, mit Knie und Schuh in sein verdecktes Gesicht getreten, sich aufgerafft und war davon gelaufen. Er blieb nur wenige Momente ausser Gefecht, doch als er sie verfolgen wollte, sei er über eine Baumwurzel gestürzt, die sie noch gerade so umkurven konnte. Spuren waren am Abend des folgenden Tages an der Stelle im Wald nicht mehr aufzufinden gewesen. Wie schon bei den vorangegangenen Verbrechen hatte der Mann, der nun auch von der Polizei mit dem Namen „Tony“ geführt wurde, ganze Arbeit bei der Säuberung des Tatortes gemacht. Mit der Ausnahme, daß er in den vier weiteren Fällen, eine Leiche hinterließ. Die Opfer, dazu zählte die Eule auch Lily Thomas und mich, hätten nichts gemeinsam, es gäbe kein Muster zu erkennen. Ich mußte an dieser Stelle die Eule unterbrechen, da er mir all das bereits in der Dienststelle erzählt habe. Aber ich wolle wissen, ob sich auf meine Beschreibung schon etwas getan habe. Darüber dürfe er jetzt noch nichts öffentlich machen, bemerkte Sturz mit leichter Enttäuschung in der Stimme. Doch sei er sich sehr sicher, daß jenem Verbrecher bald die Handschellen angelegt werden könnten. Es sei aber wichtig, daß Frau Thomas und ich zusammen kämen, denn ich mache einen sehr starken, sehr gefassten Eindruck. Ich sei das genaue Gegenteil von Frau Thomas, die auch fünf Monate nach der Tat noch enorm unter diesem Trauma leide. Ich nickte, mehr das ich das Gesprochene akustisch verstanden habe, als daß ich mich als stark und gefaßt empfände. Doch da fuhren wir bereits in eine Zufahrt, an deren Ende zwei Hochhäuser standen. Ausgestiegen, bewegten wir uns in die Richtung des linken der Beiden.

Es gab nur einen karges Treppenhaus, drei Stiegen, dort wartete eine furnierte Tür, die sich nach dem Schellen, sowie einigen ruhigen Worten der Eule zögernd öffnete. In diesem Moment war mir klar, daß ich selbst ohne den aktuell laufenden Autopiloten in einem besseren Zustand war, als diese verängstigte Person, die ich nun erstmals sah. Ja, und mir wurde gleichermassen heiß, wie kalt, als Lily Thomas mir in die Augen sah. Sie mochte gerade mal Anfang ihrer Zwanziger sein, angelockte, blonde Haare, ein weiches Gesicht, in dessen Zentrum eine ebenso zierliche Nase und große, blaue Augen platziert waren. Doch stand ihr in der Manier, wie sie uns gegenüberstand, auch das Wort „Opfer“ auf ihre Stirn nicht geschrieben, sondern tätowiert. Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte sie in die Arme nehmen. Nach einem kurzen Zögern, erwiderte sie meine Umarmung. Sie also auch, fragte sie mich flüsternd. Ich nickte. Wann? Gestern abend. Wie sind Sie ihm entkommen? Ich bin Chloë, sagte ich, um genau dieses Thema erst einmal zu umschiffen. Dann ließ ich sie los, legte aber meine Hand auf ihre Schulter und fragte sie, ob wir uns setzen könnten. Bevor Frau Thomas etwas antworten konnte, meldete sich Sturz, die Eule kurz zu Wort. Er sah mich an und meinte, er würde sicher dann morgen von mir hören. Ob ich Taxigeld hätte, fragte er noch, was ich mit einem Nicken beantwortete. Er wandte sich um und war schon zur Tür hinaus.

Nun bot auch Lily mir das Du an und fragte mich noch, ob ich eine Tasse Tee wolle. Auch ihr antwortete ich mit einem Nicken. Sie verschwand kurz im Küchenteil ihrer Wohnung, die wahrlich einen spärlichen Eindruck hinterließ und mich an die erfolgloseren der erfolgarmen Michael-Zeiten erinnerten. Ja, und ich hatte diesen Teil der Stadt schon immer gemieden. Früher hätte ich es Angst und Unbehagen genannt, später bis jetzt wäre es die Abwehr von Triggern gewesen, die mich in mein altes inneres Schema zurückdrängen würden. Die Luft in einer solchen Wohnung hatte einen sehr starken Anteil an Hoffnungslosigkeit. Es sollte also nicht verwundern, daß ich mich erhob und ein Fenster öffnete. Lilly kam gerade vom Aufsetzen des Teewassers zurück und sah mich mit erschrocken, großen Augen an. Ich erhob die Hände zur Beschwichtigung einer inneren Schieflage, die sie ausdrückte und meinte, es sei besser so, wenn wenigstens die Luft von Aussen an sie herankäme. Die Luft sei unschuldig. Sie ließ ihre Arme baumeln, blickte beschämt zu Boden und wandte sich wieder zum Wasser um. Es mochte an der gemeinsamen Verbindung durch den selbstbenannten Tony liegen, daß ich sie in diesen wenigen Momenten, die wir uns kannten, gelesen hatte, wie ein Buch. Ein trauriges Buch. Und es mochte ihr auch vor dieser traumatischen Episode nicht wirklich viel besser gegangen sein, denn ich sah, daß sie bereits lange Zeit in dieser Wohnung lebte. Hauste. Verkümmerte. Sie hatte sicherlich schon andere schlechte Erfahrungen gemacht. Nun kam sie mit zwei Tassen, aus denen der Beutelpfaden mit Schild herausschaute. Sie setzte sich, blickte mich fragend und gleichzeitig hilfesuchend an. Ich lächelte, platzierte mich neben sie. Hielt ihre Hand. Erzählen Sie, Lilly. Sie schüttelte den Kopf, versuchte Tränen zu vermeiden. Ist es noch nicht so lange her? Wieder schüttelte sie den Kopf. Nach einigen Momenten flüsterte sie, daß es fünf Monate seien. Und vier Tage. Wenn ich ihr sagen würde, wie spät es sei, könnte sie mir auch die Stunden und Minuten nennen. Dann blickte sie mich an. Mit einem fast vorwurfsvollen Blick unterlegt, fragte sie mich, warum es mir so gut ginge. Ich sähe aus, als sei nie etwas schlimmes in meinem Leben passiert. Wieder legte ich ein Lächeln auf. Lilly, du weißt, was ein Autopilot ist? Und darüberhinaus bin ich nahezu unversehrt aus einer Situation herausgekommen, die mich eigentlich das Leben kosten sollte. Ich glaube, das nennt man Glück, Lilly. Wir haben Glück gehabt. Dennoch weiß ich, das dieses Glück einen Preis hat. Und dieser Preis ist die Erinnerung an das, was wir erleben mußten. Aber sei sicher, ich habe mich auch wirklich schon schlechter gefühlt, in meinem Leben. Es folgte eine lange Stille, in welcher ich die Teebeutel entfernte, und die Zeit nutzte die Hälfte meiner Tasse zu leeren. Es war nicht unangenehm, doch fühlte ich einen Druck, der sich in der Wohnung aufbaute. Er entwisch noch nicht, als Lilly wiederrum fragte, wie ich ihm entkommen sei. Ich bin ihm nicht entkommen. Ich habe mich ihm hingegeben, willenlos. Ich habe mich von ihm ficken lassen, so wie es ihm gefiel. Ich vermute, mein Eingehen auf die Situation, auf sein Wollen, hat ihn so verwirrt, daß er sofort abgehauen ist, als er fertig war. Sie blickte fragend. Wieso abgehauen? Wir waren in meiner Wohnung. Du hast diesen Verbrecher mit zu dir nach Hause geholt? Das Opferhafte war aus ihrem Blick herausgeschleudert und durch eine ungläubige Wut ersetzt. Sie erhob sich raketenhaft, schritt massiv um das Sofa herum. Die Schritte hatten Marschstärke, die dieser zierlichen Person nicht anzusehen war. Ich verstand, wie feste sie getreten haben mochte, als sie in der Gewalt war. Lilly, sprach ich sie an, als sie auf Blickhöhe war. Setz dich. Du kannst nur verstehen, was ich getan habe, wenn ich dir einiges über mein bisheriges Leben erzählt habe. Sie hielt endlich inne, ließ sich wieder nieder neben mir, trank einen Schluck Tee. Ich nahm tief Luft und tauchte ein in die Jahre des Leids, der Unruhen. Doch bevor mein Kopf unter Wasser verschwand, fragte ich Lilly noch, ob sie alles wissen wolle? Sie nickte.

„Verzeihen Sie mir bitte, wenn ich Sie mit den Worten ‚Liebe Lilly‘ anrede. Verzeih mir, wenn ich unsere Übereinkunft des Duzens gerade übersehen habe. Verzeih mir, wenn ich möglicherweise an Triggerpunkte gelange, die Dir, liebe Lilly, Ungemach bereiten werden. Verzeih mir, wenn ich unsere Bekanntschaft, die noch so neu und unverbraucht ist, gleich mit soviel Dunkelheit beschweren muß. Verzeih mir, daß ich auf Dich eingehe und Deinen Wunsch, alles wissen zu wollen. Liebe Lilly, Du siehst eine Frau vor Dir, doch ist diese Frau nicht als solche geboren, sondern hieß einst der Unglückliche Michael Warburg. Er wurde geboren, wuchs auf und wurde mit den Jahren immer trauriger, und wußte nicht warum. Er kam mit den Menschen um sich herum immer weniger klar. Er fühlte sich als Außenseiter, selbst unter den Außenseitern. Er lernte mit der Zeit immer mehr, neben sich zu stehen. Nicht ein Teil seinerselbst zu sein, das Innere seines Körpers als meidenswert zu betrachten und zu fühlen, ein vermodertes Loch. Diese Gefühle haben sich im Unglücklichen Michael Warburg immer weiter ausgebreitet, wie ein Schimmel, der zersetzend die ursprüngliche Nahrung befällt. Von der Mitte der Brust aus begann die Auflösung seiner Haut von innen heraus, es wuchs dort ein schwarzes Loch, das Energien saugte aus dem Rest der Person. Der Unglückliche Michael Warburg wurde immer ruinöser, ein Fremder in der Welt. Verzeih mir, liebe Lilly, wenn ich so poetisch daherspreche, wie über eine mystische Figur, doch ist der Unglückliche Michael Warburg auch so etwas geworden, wie ein Mysterium, ein dunkler und herabziehender Mythos. Liebe Lilly, wenn Du diesen Menschen hättest kennen müssen, er hätte Dir Ekel bereitet. Ein Wrack war er geworden, da war gerade einmal 35 Jahre alt. Er mußte einen Suizidversuch mit Tabletten überleben, der so stümperhaft angeordnet war, daß er schiefgehen mußte. Er mußte eine Therapie beginnen, bei einem ebenso stümperhaften Psychologen, der mit Tabletten um sich warf. Schnell hatte sich der Aufwachende Michael Warburg jedoch dazu aufgerafft, auf eigene Faust eine neue Vertrauensperson in Form einer Psychotherapeutin zu finden. Und dabei fand er heraus, daß ein Teil seiner Person der Fehler war, an dem er unbemerkt sein bisheriges Leben gelitten hatte.“ Lilly saß neben mir und wirkte ungerührt. In ihren Augen stand weiterhin die Frage, warum ich jenen Tony mit in meine Wohnung genommen hatte. Ob sie die Antwort, die ich ihr darauf würde geben müssen, verstand oder überhaupt akzeptieren konnte, wußte ich noch nicht. Ich erhob mich, ging in der Wohnung umher, Lillys Augen folgten mir. Ihre Frage folgte mir ebenso. Ich sah mir die patinierten Schränke an, die schon älter waren, als ihre gegenwärtige Besitzerin. Ich sah mir die dringend zu streichenden Wände an, ließ meine Finger darüber streichen. Die Fenster mußten ebenso zeitnah geputzt werden. Das Leben von Lilly Thomas lag in einer Schleife gefangen. Plötzlich stand sie neben mir, als ich noch verloren in die Stadt starrte. „Hast Du ein Bild von Michael?“ Ich schnappte nach Luft und verneinte. Niemals könnte ich mir diesen verlorenen Zustand ansehen. Aber wenn sie wolle, könnte ich ihr eines aus seinem Nachlaß suchen. Es würde halt ein wenig Zeit in Anspruch nehmen, denn das Zeug sei gut verstaut. „Bereust Du jetzt, eine Frau zu sein?“ Nein! Oh nein, niemals, oh Lilly! Wie kannst Du so etwas nur denken? Das kann kein Typ schaffen, daß ich diese Entscheidung irgendwann anzweifeln würde. Ich blickte sie an, während wir am Fenster standen und erzählte ihr von diesem seltsamen Gedanken, der mich damals am Ausgang einer Apotheke erfaßte. Es war kurz, nachdem ich den tief in mir verborgenen Wunsch pro Femina erkannt hatte. Dort sah ich eine Werbetafel für ein Medikament gegen Scheidenpilz und die Worte in meinem Kopf waren: Oh, wenn ich überhaupt die Möglichkeit hätte, daran erkranken zu können! Lilly, so tief und heftig war der Wunsch, eine Frau zu sein, daß ich alle Widrigkeiten, alles Negative mit einem Lachen auf mich nehmen würde, wenn ich es umsetzen könnte. So mußt Du das verstehen.

In Lilly Thomas schien der heftige Vorwurf, den sie gegen mich gefühlt zu hatte, etwas nachzulassen. Sie wirkte wieder etwas ruhiger. „Ich verstehe nicht, warum jemand eine Frau sein will? Ich würde sofort tauschen, wenn ich könnte.“ Ist das so, Lilly? Warum ist das so? „Ich fühle mich so schwach. Ich kann mich gegen nichts wehren. Und das ist schon vor dieser Sache so gewesen. Niemand achtet auf mich. Niemand nimmt mich wahr. Niemand braucht mich für etwas. Ich sitze hier in meiner Wohnung, versuche nicht vollkommen zu verwahrlosen. Spreche mit niemanden mehr. Die Welt läuft weiter, und läßt mich hier. Ich weiß nicht, wer mich hierher gebracht hat? Niemand holt mich mehr ab. Niemand ruft an. Alle haben mich aufgegeben und vergessen. Wenn ich ein Mann wäre, könnte ich die Tür selber öffnen und mir die Welt zurückholen. Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich nicht das Brandmal dieses Namens, der wie ein Fluch auf mir sitzt. Ich verwünsche meine Eltern schon seit Jahren, daß sie mich damit beladen haben. Ich bin ein Briefkasten in einer Stadt, die abgebrannt ist.“ Ich sah sie verwundert an. Ich konnte sie nicht verstehen, denn ich ich fühlte schließlich das genaue Gegenteil und war durch meine Operation zum temporären Glück gekommen, daß mir – wie ich ihr sagte – kein Tony der Welt nehmen konnte. Mir war klar, daß jeder Mensch individuell fühle, doch warum war dies mit dieser Person, Lilly, so? Vor einem Jahr hätte ich sofort mit ihr getauscht, auch mit dem Wissen, was ihr später zustoßen würde. Ich wußte schließlich, um den Preis, den der Mensch für sein Glück zahlt. Also begann ich sie zu befragen, um einen Ansatz zu finden zum Verständnis, warum Lilly in ihrer Haut so unglücklich war oder mindestens schien. Lilly, wie alt bist Du? „Ach, ich glaube, ich bin 25.“ Du glaubst? „Ja.“ Sie zuckte mit den Achseln und ihr Blick schlenkerte über den Boden. Kommst Du hier aus der Stadt? „Nein, ich bin mit meinem ersten festen Freund hierher gezogen. Ist auch schon Jahre her. Seit zwei Jahren wohne ich hier.“ Und dieser Freund? Bist Du noch mit ihm zusammen? Sie blickte mich an wie ein hungriger Bluthund. Okay, war eine dumme Frage. „Möchtest Du noch Tee, Chloë?“ Ja, gerne. Die Sonne war an diesem Tag noch nicht wirklich zu sehen gewesen. Nun begann das Licht sich langsam zu verabschieden. Ich blickte ihr nach, wie sie sich wieder in ihrer Küche an dem einsamen Topf verdingte. Mein Blick ruhte auf ihr. In diesem Moment durchfuhr mich der Gedanke, daß sie die schönste Frau sei, die ich je in meinem Leben gesehen hätte. Eine unwillkürliche Handbewegung vor meinen Augen folgte. Sie stand weiterhin, den Rücken mir zugewandt, diese wenigen Meter entfernt. Nein, dachte ich, so nicht. Sie mag schön sein, irgendwie, doch vor allen Dingen, ist sie verletzt und hilflos. Sie drehte sich um. Ihre Augen voller Tränen, die über ihre Wangen rannen. Ihr Blick verzerrt. Die Worte kamen stammelnd. „Warum war er bei Dir zu Hause?“ „Warum wir?“ „Warum?“ Ich eilte zu ihr, nahm sie in meine Arme und drückte sie an mich. Sie stieß mich weg. „Warum?“

Für einige Minuten hielt sie mich mit ausgestrecktem Arm auf Distanz. Das Wasser kochte, verkochte, die Tränen rannen und immer wieder lag das Wort „Warum“ in der Wohnung aus. Ich schwieg, sah sie an und wartete. Lilly, soll ich gehen? Willst Du lieber alleine sein? „Nein! Bitte geh nicht!“ Sie sank zu Boden und ich hob sie auf, führte sie zur Couch. Ging, um endlich die Herdplatte auszuschalten. Setzte mich vor die Couch zu Boden, denn Lilly war auf ihr zusammengesunken und lag ausgestreckt, der Blick ging in die Leere. Du mußt hier raus. Hörst Du, Lilly? „Nein.“ Ihre Stimme klang nach den letzten Worten einer Ertrinkenden. Die Augen fielen zu. Ich erhob mich, suchte im Rest der Wohnung nach einer Decke, fand eine im einzigen Schrank, deckte sie zu. Ich setzte mich noch ein wenig zurück auf den Boden vor der Couch, betrachtete sie, die Schlafende und begann einen Block, den ich bei der Deckensuche gefunden hatte, zu beschriften mit Gedanken, die mir gerade so in den Sinn kamen, und die ich ihr auf jeden Fall noch mitgeben wollte, bevor ich mich auf den Weg nach Hause machte.

„Liebe Lilly,

ich fühle mit Dir. Ich fühle Deinen Schmerz. Du wohnst in Deinem Schmerz. Und es ist nicht wichtig, was andere taten, als sie in der Situation waren, als ihnen der Schmerz zugefügt wurde. Und auch nicht, wo das war. Du mußt aus Deinem Schmerz heraustreten. So schnell, wie möglich. Und ich werde Dir dabei helfen, so gut es in meiner Macht steht. Nach diesen wenigen Stunden, die wir uns kennen, mag ich sagen, daß ich Dich sehr gerne mag. Und ich will in Deinem Leben stattfinden. Und ich will, daß Du, liebe Lilly, in meinem Leben stattfindest. Ich wünsche, daß Du mich morgen anrufen wirst. Liebe Lilly, nicht alles wird gut werden, aber so viel, wie möglich. Ich drücke Dich ganz fest, Chloë“ Darunter notierte ich meine Mobilnummer.

Ich hatte ein Taxi geordert, und zog die Tür hinter mir zu, die ich mit einem Schlüssel abschloß, den ich als Ersatz erkannt hatte. Ich hätte es ihr definitiv nicht zu muten wollen, daß es nicht abgeschlossen sei. Ich wartete an der Straße, da es gehießen hatte, in fünf Minuten sei der Wagen vor Ort. Das sollte nicht stimmen. Es dauerte lange genug, um zwei Anbieter abwimmeln zu müssen, von denen der zweite mir sogar schon einen grün schimmernden Schein in den Ausschnitt stecken wollte. An einem anderen Tag wäre ich schon mit dem ersten, der aufdringlich und notgeil schien, aber ein sympathisches Gesicht zur Schau trug, verschwunden. Aber heute waren meine Genitalien tot, abgeschaltet. Der erste Tag, an dem ich das Frau-Sein einfach mit trug, ohne es in den Vordergrund meines Tuns zu stellen. Das wurde mir jedoch erst später im Taxi bewußt. Diese Erkenntnis hinterließ jedoch ebenfalls keine nennenswerte Regung. Ich starrte aus dem Fenster und fühlte ein Meer von Tränen in mir aufsteigen. Die eigene Verzweiflung, die den Automatismus, der mich durch große Teile des Tages getragen hatte, langsam überschwemmte. Und Lilly.

Am Morgen erwachte ich, machte mich mit der eigen gewordenen Gründlichkeit zurecht, legte aber nur dezente Kleidung an, huschte aus dem Haus, um den Laden zu öffnen. Der erste Blick hatte jedoch auf dem Display meines Smartphones gelegen. Kein Anruf von Lilly. Als ich den Schlüssel umdrehte, immer noch nichts. Als Sabrina eine Stunde später erschien, noch nichts. Als ich gegen 11.30 Uhr ein längeres Kundengespräch mit dem Kassiervorgang beendete, noch kein Anruf. Ich wurde nervös. Also zog ich mich in mein Büro zurück und wählte die Nummer der Eule. Doch ich rief nicht an. Ich hatte ihm nichts zu sagen, hätte nur Fragen gehabt, die ich der Frau stellen sollte, deren Anruf ich fast schon herbeisehnte. Hätte ich Fähigkeiten in der Telekinese gehabt, wäre es mir möglich gewesen, in der Angelegenheit nachzuhelfen, doch war dem nicht so. Ich wußte auf jeden Fall, wohin ich in der Mittagspause fahren würde. Sabrina schaute nun zur Türe herein und fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei? Ich wäre noch nie so abwesend gewesen. Ich nickte und bejahte. Sabrina, alles wird wieder gut. Okay? Mit einem leichten Lächeln zog sie sich wieder zurück. Ich starrte für einige Momente aus dem Fenster. Ich hätte den ersten Typen gestern abend noch abschleppen sollen, dachte ich. Ein BH-Träger war verrutscht. Ich schob ihn zurecht, biss mir auf die Lippe. Die Zeit verging nicht, ich kam auf schräge Gedanken. Totale Nervosität machte sich in mir breit. Immer noch fast eine Stunde, die ich totschlagen mußte. Warum hatte ich nicht selber gestern noch nach einer Nummer geschaut? Da entlich kam mir der Gedanke, im Netz zu stöbern. Fünf Minuten später war ich um eine Illusion ärmer, doch war dies nachvollziehbar. Ich lief wieder in den Laden, begann nach Beschäftigung zu suchen. Währenddessen versuchte ich mit Sabrina leichte Konversation zu üben. Immer wieder strich meine Rechte über mein Haar, immer wieder strich meine Linke über meinen Rock. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Sabrina mich auf meine unerträgliche Nervosität ansprach und eine Erklärung wollte. Bevor ich sprach, ein kurzer Blick auf das Smartphone. Nichts. Und so sagte ich auch nichts. Nur ein kurzes Nuscheln. Ein lauteres „Du kannst Dir doch vorstellen, wieso ich etwas durch den Wind bin, oder?“. Ein leiseres „Lass mir einfach etwas Ruhe.“ Die Zeit verging immer noch nicht wirklich. Die Ladentür öffnete sich, ein Mann trat ein. Ich sprang ihn regelrecht an. Eingeschüchtert suchte er das Weite, noch bevor er sich überhaupt hätte eine Meinung über unsere Auswahl bilden können. Sabrina stand im Hintergrund, ich sah in einem der zahlreichen Spiegel, wie sie ihren Kopf schüttelte. Ich war nicht mehr nur nervös, ich war entnervt. Sie ging in den Hinterhof zum Rauchen. Ich setzte mich und starrte eine blaues Chiffonkleid an. Es war so wunderschön, daß sich mein Blick in den leichten Wellen, die der Stoff warf, verlor. Ich würde den Designer ausfindig machen und ihm eine Dankeskarte schicken, dachte ich, während meine Finger zärtlich darüber strichen. Wie würde Lilly darin aussehen? Die Zeit verging nicht. Die Türe öffnete sich. Diesmal war es eine Frau. Ich ließ ihr etwas Zeit, bevor ich mich ihr vorsichtig näherte und ihr meine Hilfe anbot. Sie nahm dankend an. Ein inneres Aufatmen.

Sabrina war zurückgekehrt und ich überließ ihr den Laden. Diese innere Verwundung war ermüdend. Und ich wußte, daß meine Fixierung auf die Leidensgenossin eine für mich teils willkommene Ablenkung war, um die eigene Verwundung zu übergehen. Ach, ich hatte schon damals, als ich noch unter männlicher Flagge fuhr, zerstörte, gestörte, zerrissene Menschen gekannt, hatte mit ihnen gelitten, oder sie gemieden. Je nach dem, wieviel Einsatz mir die Person wert war. Und vielleicht lag mir an jener Lilly so viel, weil sie auf eine nicht eindeutige Art ein Spiegelbild meiner Vergangenheit war? So wurden meine Gedanken umwölkt. Und die Zeit verging immer noch nicht. Und so sehr ich es auch versuchte, und mit aller Kraft aus dem Fenster starrte, ich konnte meine Gedanken nicht von Lilly lösen. Und wieder der Blick auf das Display. Nichts. Nur die Uhrzeit winkte inzwischen leicht positiver.

Stand: 16.12.2013, 13:00 Uhr

 

Der Ruf eines Nicht-Anwesenden

Lieber Leser, letztlich ist diese Anrede so unpersönlich gehalten, wie es nur gerade möglich ist. Ich bin nicht sicher, wer die Person ist, welche diesen Sermon je lesen wird. Ich bin mit Fragen beschäftigt, auf welche ich Antworten suche. Ich habe mich daher entschlossen, die Geschichten, die zu diesen Fragen hinführten, mir selbst zu erzählen, um irgendwo den Faden zu finden, der sich sicherlich in diesem Gewirr, so wie es mir zur Zeit noch scheint, versteckt hält.

Zu den Fragen möchte ich noch nichts schreiben, denn es reicht mir, daß sie in meinen Hirnwindungen pochen und mich von Zeit zu Zeit zu gefährlichen Selbstverletzungen treiben. Da mag der fremde Leser sicher den Kopf schütteln, und sich Verständnislosigkeit breit machen. Ich könnte es verstehen, denn lange Zeit hielt ich dieses Treiben für eine seltsame Schwäche, bis ich vor langer Zeit erstmals meinen Schädel gegen eine geschlossene Tür hämmerte.Ich weiß, daß keine Hilfe durch solches Handeln geschieht. Auf Dauer entsteht nur Schädigung. Doch, wer sich fragt, wozu Köpfe, Fäuste, Füsse malträtiert werden, oder eben Klingen gleiten über Häute, der hat den inneren Druck nie gespürt, der hinter solchem Handeln steht. Es ist ein Überdrück, der nach Ableitung verlangt. Hier schließt sich die erste Frage an, und selbstverständlich fragt sie nach der Herkunft dieses Drucks, nach dem ersten Auftreten, nach seiner Geschichte. Ich habe kaum einen sogenannten blassen Schimmer. Dabei streunen immer wieder die wildesten Erinnerungen. Gerade erst führte eine Bemerkung einer Gesprächspartnerin dazu, daß ich mich eines Traumes entsann… mag es ungefähr vierzehn, fünfzehn Jahre her sein, eine Beziehung war damals verunglückt – aus heutiger Sicht glücklicherweise – doch seinerzeit war die Einsamkeit, die meiner harrte, nicht unbedingt ein Grund zur Freude. Ich träumte, ich stünde auf einer Bühne und sänge dort ne me quitte pas von Jacques Brel. Eine Menge an Leuten saß an Tischen, wie man es sich in einer Caféhaus-Situation vorstellte. Ich stand dort leicht erhöht, ein Mikrophonständer vor mir, den ich jedoch nicht berührte, ein Pianist im Hintergrund. Im Traum sah ich ihn nicht, doch jemand mußte diese Musik spielen. Und so perlten die Worte in französischer Zunge aus meinem Munde heraus, geradezu fehlerlos, was bei meinem Können in dieser Sprache ein leichtes Wunder ist. Es war die Musik des Herzens, die hier erklang. Es war der Moment, der sagte, laß mich nicht alleine.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte dieses Schreiben zum Anlass nehmen, einige Unklarheiten der vergangenen Monate aufzulösen. Unter anderem möchte ich damit auch betonen, daß ich kommunizieren kann. Jedoch ist es schwierig für mich und wird es immer bleiben. Ich werde auch immer ein eher trauriger, melancholischer Mensch bleiben. Und doch ist das ein Zustand, den ich erst erreichen muß, denn zur Zeit bin ich ein sehr trauriger, tieftrauriger Mensch. Gefüllt mit einem Höchstmaß an Verdruss und Selbstekel.

Warum ist das so? Zum einen: Ich zähle nun zweiundvierzig Jahre und trage mich mit Problemen herum, die schon lange hätten geklärt sein können. Warum sind sie nicht geklärt? Weil nicht nur ich selbst diese Probleme für lange Zeit ignoriert habe und wo nichts ist, da kann nichts sein. Seit vier Jahren aber weiß ich, daß nichts in Ordnung ist. Mit mir. Mit meinem mentalen Zustand. Da helfen keine Tabletten, auch wenn mir inzwischen auch bekannt ist, daß die körpereigenen Botenstoffe, Hormone, auch ihren Anteil an meiner Misere haben. Es ist ein Teil des Puzzles. Es ist hierbei möglicherweise auch ein Anteil daran, daß ich mich geschlechtlich nicht eindeutig männlich fühle. Ich kann mich der Ahnung nicht erwehren, daß ich als eine Frau glücklicher wäre, bzw. geworden wäre. Doch ist dies Spekulation, oder Wunschdenken. Dennoch möchte ich meine Weiblichkeit, die ich zweifellos in mir spüre, stärker ausleben und auch zeigen.

Dies ist mir erst kürzlich klar geworden. Die Entdeckung hatte eine kurzfristige Erholung zur Folge, doch weiß ich nun, daß ich für den Rest meines Lebens in einem Bereich des Unerreichbaren leben werde. Das muß ich für mich akzeptieren, doch ist das alles andere als einfach. Denn auch wenn ich vielleicht damit leben kann, keine Frau zu sein, so muß ich einfach sagen, daß ich es aus tiefstem Herzen verabscheue, ein Mann zu sein. Ich hasse diesen Zustand. Und im zweiten Schritt ist damit natürlich klar, daß ich ein Problem mit meiner Person habe. Wie soll ich jemals mich selbst annehmen, oder gar lieben? Aber das ist ein Thema, daß ich mit mir ausmachen muß. Und dazu muß der Tisch, auf dem ich meine Dinge für mich ausbreite, um sie mit mir auszumachen, leer sein. Auf dem Tisch liegt jedoch jede Menge herum. Jede Menge an Schrott liegt auf dem Tisch. Es ist mein Tisch. Und ich will diesen Schrott nicht auf meinem Tisch herumliegen haben. Und dabei ist egal, ob ich ein Mann oder ein Frau bin. Es ist egal. Es ist mein Tisch, und ich möchte, daß der Schrott da weg kommt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

irgendwann werde ich es geschafft haben und den Spiegel einfach anblicken können. Dann bin ich am Ziel, egal, was ich dann im Spiegel sehe. Schon einmal habe ich einen Spiegel vor Wut über meine eigene Existenz zerschlagen. Das wurde kaum von meiner Umwelt wahrgenommen, scheint mir. Und das ist eigentlich eine sehr erschreckende Tatsache. Natürlich ist es möglich, daß dies Menschen in Sorge gestürzt hat. Doch hat sich ein Mensch letztlich in diesem Fall an mich gewendet? Hat ein Mensch wirklich wissen wollen, warum ich einen Spiegel zerschlage? Als ich es getan habe, wollte ich diese Person, die mir entgegenblickte töten, sie zerstören, denn diese Person war mir ein Fremder, ein Hassobjekt. Warum hat niemand gefragt? Ich habe hierzu eine gewisse Personengruppe im Auge. Es gab Freunde, die haben sich um mich gekümmert im Nachgang und haben dafür gesorgt, daß ich die Jahre, die folgten gerne in ihrer Umgebung lebte und so sind diese Jahre nicht ungetrübt, aber glücklicher, als andere. Wo waren die, an die ich denke? Der Sohn will sich töten. Warum will er sich töten? Ist das keine Frage, die man stellen sollte? Sehr geehrte Damen und Herren? Ich habe nicht darauf gewartet, nicht darauf geachtet. Ich bin nicht dafür zuständig, jedermanns Wellen zu orten, um eventuelle Kleinsterschütterungen aufzuzeichnen. Wer mir dazu etwas hätte sagen wollen, hätte fragen sollen, der hätte sprechen müssen. Heute, mehrere Spiegel später, ist die Türe schon fast geschlossen. Und letztlich habe ich inzwischen das Gefühl, daß es mir egal ist, wenn ich sie komplett schließe. Ich habe auch in den letzten drei Jahrzehnten nicht unbedingt das Gefühl entwickeln können, ob sich außen jemand daran stößt, wenn ich diese Kontakttür dichtmache.

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ich die Idee entwickelte, diesen Brief zu schreiben, schwebte mir ein Titel vor: „Als wäre ich nie anwesend gewesen.“ Natürlich bin ich nie der große Redner gewesen, habe nie versucht, das größte Aufsehen zu erregen. Ich war immer eher für mich, sozusagen ein Eigenbrötler. Warum? Hat wer diese Frage gestellt? Das mag jetzt alles ein wenig hart sein, solch eine Menge an potentiellen Vorwürfen zu erstellen, doch muß ich ganz klar dazu sagen, daß ich diese Vorwürfe mir selbst jahrelang entgegenschrie. Dazu habe ich das Wortpaar „katholischer Schuldkomplex“ gebildet. Vielleicht hat auch schon jemand vor mir davon gesprochen, das ist mir egal. Die Worte mögen so nicht meine sein, aber das Gefühl dazu gehört mir! Und auch in diesem dunklen Ecken meiner schwarzen Seele brennt der Hass. Es ist dies ein Teil meiner Wurzeln, die ich kappen möchte. Ich brauche dringend Ferien von Gott. Ha, lange schon wollte ich diese Kombination irgendwo schreiben. Ferien von Gott. Letztlich möchte ich, daß diese Ferien nie enden mögen. Eine törichte Frau berichtete mir vor einigen Monaten, daß sie jetzt keine Angst mehr vor dem Tod habe, da sie eine sogenannte Nahtoderfahrung erlebt hatte, und daß alles bestens und schön war. Ich ließ ihr den Glauben daran, daß das alles wunderbar sei, doch konnte ich den Gedanken nicht in mir unterdrücken, daß dies unglaubwürdig sei, denn die Erfahrung des Fühlens hatte diese Frau mit ihren ureigenen körperlichen Synapsen getätigt, die im Falle ihres Todes jedoch nicht funktionieren werden. Tja. Schade. Ich verstehe sowieso nicht, warum viele Teile der Welt noch so unbelehrbar an dieser Gottesidee festhalten, an die sich ein sogenanntes Jenseits anschließt, von welchem die törichte Frau so überzeugt ist. Gott als ein Name für eine universelle Energieform: Ja, okay, damit kann ich mich vielleicht anfreunden, doch ist eine Energieform nichts, was ich als anbetungswürdig erachten würde, geschweige als Basisprinzip für die Errichtung eines Religionsgebäudes. Ich kann auch nicht nachvollziehen, aus welchem Antrieb heraus, Menschen für die Idee einer Energieform töten oder sich töten lassen. Das alles ist ein unglaublicher Mumpitz, eine wahnwitzige Lüge. Aber dieses ideelle Exkrement hat mein Leben massiv beeinflußt. Und niemand! Niemand soll je an mich herantreten, daß wäre alles meine freie Entscheidung gewesen.

Ja, ich lasse anderen Menschen diese freie Entscheidung, was sie mit ihrem Seelenfrieden anstellen, aber ich lasse mir nicht nehmen, sie mit Verachtung zu belegen. Und ich lasse es mir nicht nehmen, sie meines Hauses zu verweisen, wenn sie mich meiner Gottlosigkeit zeihen möchten. Es gibt kein vor oder nach dem Tod außer das Nichts.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin nun etwas abgewischen von der Erzählung des Nicht-Anwesend-Sein. Das Gefühl, das es letztlich egal ist, ob man anwesend ist oder eben nicht. Ich habe das Mich-Zurückziehen nicht gesucht, aber es hat mich gefunden. Doch schiebe das erst einmal beiseite, denn die Gegenwart drängt mich, und ich muß mitteilen, daß mich die Scham über dieses elende Bild, daß ich in meinen eigenen Augen abgebe, dieses schwächliche, verwerflich üble Nichts, das ich darstelle immer wieder auslöschen möchte. Es drängt mich immer wieder dazu diese Existenz zu beenden. Die Schmerzen, die ich zur Zeit im Kopf vermutlich als Ergebnis langer selbstgewollter Schädigung ertragen muß, möchten sich umleiten lassen und ich nehme ein Messer und streiche damit über den Arm oder beisse mit Wucht in einen Finger, gerade dann, wenn ich mich noch weitestgehend schonen möchte. Das Ergebnis jahrelanger Selbsterniedrigung ist in einem Schlußspurt hin zum Suizid, weil in meinen Augen ich nur eine Last für die Umwelt darstelle. Jeder, der mit mir zu tun hat, ist ohne mich besser dran. Der Druck im Kopf will sich entladen. Der Druck im Kopf will sich entladen. Der Druck im Kopf will sich entladen. Ist das verstanden? Der Druck im Kopf will sich entladen. Ich glaube nicht, daß es verstanden werden kann. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand, der dieses Phänomen nie erleben mußte auch nur annähernd verstehen wird, was es mit diesem Kreiseln auf sich hat, das auf mentaler Ebene dazu beiträgt, sich die Auslöschung zu wünschen. An manchen Tagen ist es schwierig, sich diesem Kreislauf zu entziehen. Und ich möchte nicht hören, daß dies in irgendeiner Form mit Liebe zutun haben könnte. Es ist allein der Wille zu Überleben.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielleicht erinnern Sie sich an die Gelegenheiten, wenn ich mich verschwunden war. Familienfeiern nutzte ich ab einem gewissen Zeitpunkt dazu, irgendwann weg zu sein. Warum ist das nie angesprochen worden? Vielleicht hätte ich einfach wirklich wegbleiben sollen, anstatt nach einer gewissen Zeit wieder aufzutauchen? Ich habe nie ein Schreihals sein wollen und bin es auch nie gewesen, doch ich frage mich, warum diese Gattung immer und immer wieder sich die Rosinen der Öffentlichkeit erschleichen konnte? Es hält mir den Spiegel der Wertlosigkeit vor Augen und das ist nicht bestreitbar, denn die Realität der letzten Jahrzehnte hat den Beweis erbracht. Vielleicht fällt Ihnen auf, daß öfters als notwendig, die Frage „Warum?“ gestellt wird. Ja, darum geht es. Ich möchte endlich verstehen, warum dieses Schweigen entstanden ist? Ein Kind wurde alleine gelassen und ihm wurde nie erklärt, warum. Diese Frage ist stehen geblieben und hat sich im Laufe der Zeit gegen das Kind gewendet. Und wie es üblicherweise mit unbehandelten Krankheiten ist, verschlimmert sich das Bild und Wucherungen treten auf.

An der Basis steht noch die Frage nach der Uneindeutigkeit des Geschlechtsbefindens. Wann fing das an? Auf bewußter Ebene gibt es keine Antwort, doch war ein erstes Mal das heimliche Entwenden von Monatsbinden, für die ich, damals vielleicht acht oder neun Jahre alt, keine Verwendung kannte, aber der Duft war verführerisch, so sehr, daß ich mich heute noch daran erinnere. Was ich damit tat, weiss ich nicht mehr so genau, aber ich vermute, daß ich das Teil in meiner Unterhose platzierte. Es wurde entdeckt und die Peinlichkeit war mit mir. Nicht das erste Mal in meinem Leben, denn da war ja noch die Prügel von einem Onkel, da war das folgende Bettnässen, die Untersuchungen, die ich als still und surreal in Erinnerung gehalten hatte, die aber genau das nicht war.  

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