Work in Progress

Liebe Welt,

an dieser Stelle werden in näherer Zukunft böswillige Steinbrüche zur Schau gestellt.

Habe Acht,
ihre Erzählerin.

 

Stand: 16.12.2013, 13:00 Uhr

 

Der Ruf eines Nicht-Anwesenden

Liebe Leserin, letztlich ist diese Anrede so unpersönlich gehalten, wie es nur gerade möglich ist. Ich bin nicht sicher, wer die Person ist, welche diesen Sermon je lesen wird. Ich bin mit Fragen beschäftigt, auf welche ich Antworten suche. Ich habe mich daher entschlossen, die Geschichten, die zu diesen Fragen hinführten, mir selbst zu erzählen, um irgendwo den Faden zu finden, der sich sicherlich in diesem Gewirr, so wie es mir zur Zeit noch scheint, versteckt hält.

Zu den Fragen möchte ich noch nichts schreiben, denn es reicht mir, daß sie in meinen Hirnwindungen pochen und mich von Zeit zu Zeit zu gefährlichen Selbstverletzungen treiben. Da mag der fremde Leser sicher den Kopf schütteln, und sich Verständnislosigkeit breit machen. Ich könnte es verstehen, denn lange Zeit hielt ich dieses Treiben für eine seltsame Schwäche, bis ich vor langer Zeit erstmals meinen Schädel gegen eine geschlossene Tür hämmerte.Ich weiß, daß keine Hilfe durch solches Handeln geschieht. Auf Dauer entsteht nur Schädigung. Doch, wer sich fragt, wozu Köpfe, Fäuste, Füsse malträtiert werden, oder eben Klingen gleiten über Häute, der hat den inneren Druck nie gespürt, der hinter solchem Handeln steht. Es ist ein Überdrück, der nach Ableitung verlangt. Hier schließt sich die erste Frage an, und selbstverständlich fragt sie nach der Herkunft dieses Drucks, nach dem ersten Auftreten, nach seiner Geschichte. Ich habe kaum einen sogenannten blassen Schimmer. Dabei streunen immer wieder die wildesten Erinnerungen. Gerade erst führte eine Bemerkung einer Gesprächspartnerin dazu, daß ich mich eines Traumes entsann… mag es ungefähr vierzehn, fünfzehn Jahre her sein, eine Beziehung war damals verunglückt – aus heutiger Sicht glücklicherweise – doch seinerzeit war die Einsamkeit, die meiner harrte, nicht unbedingt ein Grund zur Freude. Ich träumte, ich stünde auf einer Bühne und sänge dort ne me quitte pas von Jacques Brel. Eine Menge an Leuten saß an Tischen, wie man es sich in einer Caféhaus-Situation vorstellte. Ich stand dort leicht erhöht, ein Mikrophonständer vor mir, den ich jedoch nicht berührte, ein Pianist im Hintergrund. Im Traum sah ich ihn nicht, doch jemand mußte diese Musik spielen. Und so perlten die Worte in französischer Zunge aus meinem Munde heraus, geradezu fehlerlos, was bei meinem Können in dieser Sprache ein leichtes Wunder ist. Es war die Musik des Herzens, die hier erklang. Es war der Moment, der sagte, laß mich nicht alleine.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte dieses Schreiben zum Anlass nehmen, einige Unklarheiten der vergangenen Monate aufzulösen. Unter anderem möchte ich damit auch betonen, daß ich kommunizieren kann. Jedoch ist es schwierig für mich und wird es immer bleiben. Ich werde auch immer ein eher trauriger, melancholischer Mensch bleiben. Und doch ist das ein Zustand, den ich erst erreichen muß, denn zur Zeit bin ich ein sehr trauriger, tieftrauriger Mensch. Gefüllt mit einem Höchstmaß an Verdruss und Selbstekel.

Warum ist das so? Zum einen: Ich zähle nun zweiundvierzig Jahre und trage mich mit Problemen herum, die schon lange hätten geklärt sein können. Warum sind sie nicht geklärt? Weil nicht nur ich selbst diese Probleme für lange Zeit ignoriert habe und wo nichts ist, da kann nichts sein. Seit vier Jahren aber weiß ich, daß nichts in Ordnung ist. Mit mir. Mit meinem mentalen Zustand. Da helfen keine Tabletten, auch wenn mir inzwischen auch bekannt ist, daß die körpereigenen Botenstoffe, Hormone, auch ihren Anteil an meiner Misere haben. Es ist ein Teil des Puzzles. Es ist hierbei möglicherweise auch ein Anteil daran, daß ich mich geschlechtlich nicht eindeutig männlich fühle. Ich kann mich der Ahnung nicht erwehren, daß ich als eine Frau glücklicher wäre, bzw. geworden wäre. Doch ist dies Spekulation, oder Wunschdenken. Dennoch möchte ich meine Weiblichkeit, die ich zweifellos in mir spüre, stärker ausleben und auch zeigen.

Dies ist mir erst kürzlich klar geworden. Die Entdeckung hatte eine kurzfristige Erholung zur Folge, doch weiß ich nun, daß ich für den Rest meines Lebens in einem Bereich des Unerreichbaren leben werde. Das muß ich für mich akzeptieren, doch ist das alles andere als einfach. Denn auch wenn ich vielleicht damit leben kann, keine Frau zu sein, so muß ich einfach sagen, daß ich es aus tiefstem Herzen verabscheue, ein Mann zu sein. Ich hasse diesen Zustand. Und im zweiten Schritt ist damit natürlich klar, daß ich ein Problem mit meiner Person habe. Wie soll ich jemals mich selbst annehmen, oder gar lieben? Aber das ist ein Thema, daß ich mit mir ausmachen muß. Und dazu muß der Tisch, auf dem ich meine Dinge für mich ausbreite, um sie mit mir auszumachen, leer sein. Auf dem Tisch liegt jedoch jede Menge herum. Jede Menge an Schrott liegt auf dem Tisch. Es ist mein Tisch. Und ich will diesen Schrott nicht auf meinem Tisch herumliegen haben. Und dabei ist egal, ob ich ein Mann oder ein Frau bin. Es ist egal. Es ist mein Tisch, und ich möchte, daß der Schrott da weg kommt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

irgendwann werde ich es geschafft haben und den Spiegel einfach anblicken können. Dann bin ich am Ziel, egal, was ich dann im Spiegel sehe. Schon einmal habe ich einen Spiegel vor Wut über meine eigene Existenz zerschlagen. Das wurde kaum von meiner Umwelt wahrgenommen, scheint mir. Und das ist eigentlich eine sehr erschreckende Tatsache. Natürlich ist es möglich, daß dies Menschen in Sorge gestürzt hat. Doch hat sich ein Mensch letztlich in diesem Fall an mich gewendet? Hat ein Mensch wirklich wissen wollen, warum ich einen Spiegel zerschlage? Als ich es getan habe, wollte ich diese Person, die mir entgegenblickte töten, sie zerstören, denn diese Person war mir ein Fremder, ein Hassobjekt. Warum hat niemand gefragt? Ich habe hierzu eine gewisse Personengruppe im Auge. Es gab Freunde, die haben sich um mich gekümmert im Nachgang und haben dafür gesorgt, daß ich die Jahre, die folgten gerne in ihrer Umgebung lebte und so sind diese Jahre nicht ungetrübt, aber glücklicher, als andere. Wo waren die, an die ich denke? Der Sohn will sich töten. Warum will er sich töten? Ist das keine Frage, die man stellen sollte? Sehr geehrte Damen und Herren? Ich habe nicht darauf gewartet, nicht darauf geachtet. Ich bin nicht dafür zuständig, jedermanns Wellen zu orten, um eventuelle Kleinsterschütterungen aufzuzeichnen. Wer mir dazu etwas hätte sagen wollen, hätte fragen sollen, der hätte sprechen müssen. Heute, mehrere Spiegel später, ist die Türe schon fast geschlossen. Und letztlich habe ich inzwischen das Gefühl, daß es mir egal ist, wenn ich sie komplett schließe. Ich habe auch in den letzten drei Jahrzehnten nicht unbedingt das Gefühl entwickeln können, ob sich außen jemand daran stößt, wenn ich diese Kontakttür dichtmache.

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ich die Idee entwickelte, diesen Brief zu schreiben, schwebte mir ein Titel vor: „Als wäre ich nie anwesend gewesen.“ Natürlich bin ich nie der große Redner gewesen, habe nie versucht, das größte Aufsehen zu erregen. Ich war immer eher für mich, sozusagen ein Eigenbrötler. Warum? Hat wer diese Frage gestellt? Das mag jetzt alles ein wenig hart sein, solch eine Menge an potentiellen Vorwürfen zu erstellen, doch muß ich ganz klar dazu sagen, daß ich diese Vorwürfe mir selbst jahrelang entgegenschrie. Dazu habe ich das Wortpaar „katholischer Schuldkomplex“ gebildet. Vielleicht hat auch schon jemand vor mir davon gesprochen, das ist mir egal. Die Worte mögen so nicht meine sein, aber das Gefühl dazu gehört mir! Und auch in diesem dunklen Ecken meiner schwarzen Seele brennt der Hass. Es ist dies ein Teil meiner Wurzeln, die ich kappen möchte. Ich brauche dringend Ferien von Gott. Ha, lange schon wollte ich diese Kombination irgendwo schreiben. Ferien von Gott. Letztlich möchte ich, daß diese Ferien nie enden mögen. Eine törichte Frau berichtete mir vor einigen Monaten, daß sie jetzt keine Angst mehr vor dem Tod habe, da sie eine sogenannte Nahtoderfahrung erlebt hatte, und daß alles bestens und schön war. Ich ließ ihr den Glauben daran, daß das alles wunderbar sei, doch konnte ich den Gedanken nicht in mir unterdrücken, daß dies unglaubwürdig sei, denn die Erfahrung des Fühlens hatte diese Frau mit ihren ureigenen körperlichen Synapsen getätigt, die im Falle ihres Todes jedoch nicht funktionieren werden. Tja. Schade. Ich verstehe sowieso nicht, warum viele Teile der Welt noch so unbelehrbar an dieser Gottesidee festhalten, an die sich ein sogenanntes Jenseits anschließt, von welchem die törichte Frau so überzeugt ist. Gott als ein Name für eine universelle Energieform: Ja, okay, damit kann ich mich vielleicht anfreunden, doch ist eine Energieform nichts, was ich als anbetungswürdig erachten würde, geschweige als Basisprinzip für die Errichtung eines Religionsgebäudes. Ich kann auch nicht nachvollziehen, aus welchem Antrieb heraus, Menschen für die Idee einer Energieform töten oder sich töten lassen. Das alles ist ein unglaublicher Mumpitz, eine wahnwitzige Lüge. Aber dieses ideelle Exkrement hat mein Leben massiv beeinflußt. Und niemand! Niemand soll je an mich herantreten, daß wäre alles meine freie Entscheidung gewesen.

Ja, ich lasse anderen Menschen diese freie Entscheidung, was sie mit ihrem Seelenfrieden anstellen, aber ich lasse mir nicht nehmen, sie mit Verachtung zu belegen. Und ich lasse es mir nicht nehmen, sie meines Hauses zu verweisen, wenn sie mich meiner Gottlosigkeit zeihen möchten. Es gibt kein vor oder nach dem Tod außer das Nichts.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin nun etwas abgewischen von der Erzählung des Nicht-Anwesend-Sein. Das Gefühl, das es letztlich egal ist, ob man anwesend ist oder eben nicht. Ich habe das Mich-Zurückziehen nicht gesucht, aber es hat mich gefunden. Doch schiebe das erst einmal beiseite, denn die Gegenwart drängt mich, und ich muß mitteilen, daß mich die Scham über dieses elende Bild, daß ich in meinen eigenen Augen abgebe, dieses schwächliche, verwerflich üble Nichts, das ich darstelle immer wieder auslöschen möchte. Es drängt mich immer wieder dazu diese Existenz zu beenden. Die Schmerzen, die ich zur Zeit im Kopf vermutlich als Ergebnis langer selbstgewollter Schädigung ertragen muß, möchten sich umleiten lassen und ich nehme ein Messer und streiche damit über den Arm oder beisse mit Wucht in einen Finger, gerade dann, wenn ich mich noch weitestgehend schonen möchte. Das Ergebnis jahrelanger Selbsterniedrigung ist in einem Schlußspurt hin zum Suizid, weil in meinen Augen ich nur eine Last für die Umwelt darstelle. Jeder, der mit mir zu tun hat, ist ohne mich besser dran. Der Druck im Kopf will sich entladen. Der Druck im Kopf will sich entladen. Der Druck im Kopf will sich entladen. Ist das verstanden? Der Druck im Kopf will sich entladen. Ich glaube nicht, daß es verstanden werden kann. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand, der dieses Phänomen nie erleben mußte auch nur annähernd verstehen wird, was es mit diesem Kreiseln auf sich hat, das auf mentaler Ebene dazu beiträgt, sich die Auslöschung zu wünschen. An manchen Tagen ist es schwierig, sich diesem Kreislauf zu entziehen. Und ich möchte nicht hören, daß dies in irgendeiner Form mit Liebe zutun haben könnte. Es ist allein der Wille zu Überleben.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielleicht erinnern Sie sich an die Gelegenheiten, wenn ich verschwunden war. Familienfeiern nutzte ich ab einem gewissen Zeitpunkt dazu, irgendwann weg zu sein. Warum ist das nie angesprochen worden? Vielleicht hätte ich einfach wirklich wegbleiben sollen, anstatt nach einer gewissen Zeit wieder aufzutauchen? Ich habe nie ein Schreihals sein wollen und bin es auch nie gewesen, doch ich frage mich, warum diese Gattung immer und immer wieder sich die Rosinen der Öffentlichkeit erschleichen konnte? Es hält mir den Spiegel der Wertlosigkeit vor Augen und das ist nicht bestreitbar, denn die Realität der letzten Jahrzehnte hat den Beweis erbracht. Vielleicht fällt Ihnen auf, daß öfters als notwendig, die Frage „Warum?“ gestellt wird. Ja, darum geht es. Ich möchte endlich verstehen, warum dieses Schweigen entstanden ist? Ein Kind wurde alleine gelassen und ihm wurde nie erklärt, warum. Diese Frage ist stehen geblieben und hat sich im Laufe der Zeit gegen das Kind gewendet. Und wie es üblicherweise mit unbehandelten Krankheiten ist, verschlimmert sich das Bild und Wucherungen treten auf.

An der Basis steht noch die Frage nach der Uneindeutigkeit des Geschlechtsbefindens. Wann fing das an? Auf bewußter Ebene gibt es keine Antwort, doch war ein erstes Mal das heimliche Entwenden von Monatsbinden, für die ich, damals vielleicht acht oder neun Jahre alt, keine Verwendung kannte, aber der Duft war verführerisch, so sehr, daß ich mich heute noch daran erinnere. Was ich damit tat, weiss ich nicht mehr so genau, aber ich vermute, daß ich das Teil in meiner Unterhose platzierte. Es wurde entdeckt und die Peinlichkeit war mit mir. Nicht das erste Mal in meinem Leben, denn da war ja noch die Prügel von einem Onkel, da war das folgende Bettnässen, die Untersuchungen, die ich als still und surreal in Erinnerung gehalten hatte, die aber genau das nicht war.  

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