Zur Lage der Nation(en)

Nach „Brüssel, 22.03.2016“

Vielleicht ist dieser Text der letzte, den ich schreiben werde. Ich bin frustriert, sehr tief. Warum? Die terroristischen Anschläge in Brüssel am 22.03.2016 sind der Auslöser. Ein weiteres Warum?

In den vergangenen Monaten hat sich das gesellschaftliche Klima in Europa gewandelt. Ein paneuropäischer Nationalismus greift um sich. Ein Klima, das vergiftet auf alles, was fremd ist, starrt und dessen Verschwinden verlangt. Die Art, wie dieses Verlangen artikuliert wird, ist von Hass und Wut getragen. Lange habe ich versucht, in Texten und Gesprächen, dieser Bewegung etwas entgegenzustellen. Sei es Empathie, Vernunft, eigene Fassungslosigkeit.

Am vorgestrigen Tag, dem genannten 22.03.2016, sind wieder einmal Menschen zu Tode gekommen, als Ergebnis einer Anschlagsserie. Sage ich es kurz: Es geht nicht an. Dieser Art von Menschenfeindlichkeit ist Einhalt zu gebieten.

Sowohl bei jenen, die sich als Islamisten bezeichen, als auch bei jenen, die von Tag zu Tag gegen alles Fremde wettern. Es ist erschütternd zu sehen, wie zwei extrem gegenpolige Ansichten miteinander wetteifern, wer die schärfste Klinge fährt. Frustierend ist jedoch, wie günstig die Attentate für den paneuropäischen Nationalismus sind. Doch letztlich können sich die konservativen, populistischen Kreise Europas nicht davon freisprechen, eine Mitverursacherschaft an den Terrorakten zu tragen. Sind sie es doch, die nun bereits seit Jahren keine Gelegenheit verstreichen lassen,

– eine europäische Leitkultur zu verfechten

– dem Islam eine Existenz auf europäischem Boden zu verwehren

– die permanente Gefährdung aller europäischen Nationen durch Überfremdung zu predigen

Können sich die Fürsprecher dieser Thesen vorstellen, daß gerade junge Menschen, die ständig diesem Feuer der Angst und Abgrenzung ausgesetzt sind, dieses letztlich aufnehmen und nach außen weitertragen? Dies äußerst sich zum einen darin, daß konservativ-nationalistische Kreise eine überdurchschnittliche Beliebtheit in Altersgruppen bis zu 29-jährigen erreichen. Die Kehrseite sind junge Selbstmordattentäter, die letztlich auch durch Perspektivlosigkeit und Ablehnung in den eurozentrisch gesinnten Gesellschaftspartien dahingehend vorgeschliffen werden.

Dieses permanente Wechselspiel sehen zu müssen, ist ernüchternd. Und bringt mich dazu, diese Form von Texterei in Frage zu stellen. Deswegen möchte ich ein letztes Mal meine Stimme erheben und den letzten Leserinnen ein paar Ideen mit auf den Weg geben.

Der ausländische Straftäter.

Jaja, das Todschlagargument. Doch gehe ich einfach davon aus, daß in der europäischen Justiz sicherlich kein Straftäter laufengelassen wird, wenn er „fremd“ genug ausschaut. Wobei ich hoffe, daß das Gegenteil auch nicht der Fall sei. Wundere ich mich doch mit Bauchschmerzen über die Tendenz der Justiz in den Vereinigten Staaten eine größere Härte gegen nicht-weiße Bürger anzuwenden. Ein Fall, wie der Mord an Alexandra Mezher in Schweden durch einen bereits abgewiesenen Asylantragssteller, muß mit der gleichen Härte betrieben werden, wie jeder andere, gleichgelagerte Mordfall unter Menschen mit gleicher Nationalität. Hier gibt es überhaupt kein Vertun. Und es soll auch nicht auf derlei kapitale Verbrechen beschränkt bleiben, sondern auch Vorfälle, wie die Sexualstraftaten in Köln zu Silvester 2015 müssen aufgeklärt und bestraft werden. Und ein inhaftierter Sträfling sollte auch in seine Heimat transferiert werden. Wenn hierzu die legislativen Voraussetzungen fehlen sollten, sind sie zu schaffen. Doch wenn die Realität das Wort kurz erheben darf: Die meisten Straftaten in Europa werden von den jeweiligen Einheimischen begangen, von Mord, über Vergewaltigung zu Steuerhinterziehung und Körperverletzung.

Europäische Leitkultur und Überfremdung:

Ich fasse mich zu Beginn einmal kurz: Die Idee einer europäischen, womöglich christlichen Leitkultur ist einer der größten, zynischsten Scherze, die je von Menschen ersonnen wurden.

Haben sich die Urheber dieser Ideen eigentlich mit der europäischen Geschichte seit Herodot auseinandergesetzt?

Wenn ja: ist ihnen aufgefallen, daß sich keine Konstante ergeben hat, die auch nur die zeitliche Grenze von eintausend Jahren überdauert hat, die als kulturelles Fundament angesehen werden kann? Vielleicht mag jetzt jemand den religiösen Aspekt der Christenheit erwähnen. Hierzu gebe ich folgendes zu bedenken, bevor ich mich der Frage der Religion als solches widme: Wie hoch ist die Zahl der Menschenleben, die von Vertretern dieser verschiedenen, christlich-orientierten Religionsgruppen getötet wurden?

Besonders in Zeiten, in welchen Teilgruppen untereinander verfehdet waren, womit nicht nur die Hochzeit zwischen 1618 und 1648 gemeint ist.

Ein Gottesglaube ist darüberhinaus, in meinen Augen, kaum für einen menschlichen Geist wahrhaft zu erfassen. Der Gottesbeweis des Thomas von Aquin wird von mir zwar befürwortet, doch, wo jener einen Gott als causa prima, als Erstursache, erkannt haben mochte, sehe ich ein physikalisches Phänomen. Wobei nicht gesagt sei, daß die Basis einer christlichen Morallehre, wie sie in den Evangelien zu beobachten ist, kein wunderbares Fundament für das Miteinanderleben von Menschen auf diesem Planeten sei, doch ist die Lehre jenes Jesus für uns einfache Leute grundsätzlich zu revolutionär und – um nur auf dieses eine Beispiel zu verweisen, daß jedoch auch auf andere große Religionen der Welt zutrifft – wurde nur kurz nach dem Tod des Religionsgründers die Rolle der Frauen neu definiert und diese in die zweite Reihe verbannt. Da liest sich das neue Testament durchaus anders. Und somit direkt an die Leitkultur gefragt: Aus der Historie ergibt sich hier, daß die Frau weiterhin gerade mal sich der 3 großen K’s widmen dürfte, doch das kann heute niemandens Ernst mehr sein. Geschieht hier der erste große Bruch und die Rückbesinnung auf die Machtverteilung in der Jungsteinzeit?

Der massiv größte Teil der letzten zweitausend Jahre in Europa, aus welchen sich vielleicht am Ehesten eine handvoll an regionalen Leitkulturen destillieren liesse, ist von Kriegen, mehr oder weniger freiwilligen Völkerbewegungen und Machtmissbrauch aus Egomanie gekennzeichnet. Die größte, europäische Leistung dieser Zeitspanne ist, ohne jedwede Diskussion, die Gründung der Europäischen Union. Wer hier widerspricht, sollte ein wirklich sehr gutes Argument zur Hand haben, warum die Schaffung eines möglichen, kontinentalen Miteinanders ohne Waffengewalt, nicht die allerhöchste, die mächtigste Leistung war und auch noch ist. Keine technische Revolution kommt dieser Errungenschaft gleich.

Die Erhaltung dieser Union ist noch wichtiger, als die Bekämpfung von terroristischen Umtrieben. Die Erhaltung der Freiheit in dieser Union ist ebenso von größter Bedeutung. Und dies gilt umso mehr, als der bereits erwähnte paneuropäische Nationalismus um sich greift, der auf die Wiedererrichtung von Grenzen setzt, sowie auf die Wiederbelebung von nationalen Gefühlen und das Fehlen dieser unter Strafe stellen möchte.

Hier frage ich: Welches Land – nicht nur im Bereich der Europäischen Union – ist ein reines Land? Es gibt sie nicht mehr, heißt die einzig korrekte Antwort. Spätestens mit Beginn des demokratisierten Individualverkehrs hat die Durchmischung der Völker und Ethnien einen höchst erfreulichen Grad an süßer Unreinheit erreicht. Jedes Individuum an jedwedem Ort dieses Planeten hat einen individuellen Hintergrund. Durch die Möglichkeiten der Vernetzung werden auch die inneren Erlebniswelten weiter von regionalen Leitkultürchen entfernt. Und in diesem Sinne ist eine Einnordung auf diese Leitbilder höchstens unter Ergreifung von Zwangsmaßnahmen möglich, sollte sie auch für die Eingeborenen gelten und nicht nur für die einreisenden Fremden. Letztlich werden im Bezug auf die Errichtung einer Leitkultur auch Erinnerungen an die Gleichschaltungen im dritten Reich wach.

Eine Leitkultur ist nicht mehr, als eine Normierung. Und diese ist das Ende der Individualität. Das diese Ideen derzeit auch in Ländern um sich greifen, die doch gerade unter den Deutschen des dritten Reichs gelitten haben, kann als sehr merkwürdig empfunden werden. Gibt es keine anderen Wege, um die innere Verbundenheit zu einer Region aufleben zu lassen? Und weshalb bezieht sich ein Stolz immer auf eine ganze Nation? Was hindert Menschen daran, stolze Menschen aus Cornwall, Lothringen, den Podlachien, Umbrien zu sein? Sind die regionalen Wurzeln nicht stark genug, um den faden Glanz des Nationalismus zu überstrahlen? Sind Nationen überhaupt noch zeitgemäß? Diese Frage ist nicht nur rhetorisch gesetzt, sondern ernsthaft zur Überlegung gestellt.

Diese Frage wird von der Welt verworfen und nie beantwortet. Dieser Text wird nie eine Anregung sein. Der Ansatz ist noch nicht zeitgemäß. In keiner Weise. Und Utopien braucht wohl niemand. Es ist der letzte Text, den ich geschrieben habe.

11.06.2015

Da ich den letzten Text mit dem schönen Schlagwort Nationalsozialisten beendete, und dieses Hämmerchen einen feinen Einstieg bietet: Es soll ja Menschen in Deutschland geben, die gerne die Behandlung der Thematik rund um die nationalsozialistischen Untaten zwischen 1933 und 1945 beendet, ja, abgeschlossen sähen. Diese Menschen in Deutschland sagen zum Beispiel:

„Ich bin nach 1945 geboren und kann daher nichts für die Geschehnisse dieser Zeit.“

oder

„Was der Staat Israel mit den Palästinänsern macht, ist fast genauso schlimm, wie der Holocaust.“

oder

„Aber die Juden haben doch immer schon dieses und jenes getan, und die Sache mit Jesus. Und andere haben auch schon immer die Juden gejagt und die haben die Pest ausgelöst und so weiter und so fort.“

Okay, der letzte Ausflug war von mir erfunden, doch wurden diese Argumente in gleicher oder ähnlicher Form in den letzten Jahrhunderten gerne mal verwendet, um Antipathien gegen diese Religionsgemeinschaft anzustacheln.

Warum ist aber all dieses falsch?

Und wie begegne ich Menschen, die solche Äußerungen von sich geben?

Zum einen, ist es in meinen Augen nicht statthaft, beide Konfliktsituationen (Nazi-Deutschland vs. Juden / Israel vs. Palästina) zu vergleichen. Darüberhinaus gibt es einen interessanten Aspekt, den ich beleuchten möchte:

Es gibt so viele Deutsche, die wie auch ich, nach 1945 geboren sind, doch in der Familie existieren Personen, die zwischen 1918 und 1945 alt genug waren oder wurden, um ein staatsbürgerlisches Bewußtsein zu haben. Ich weiß, daß es nicht leicht ist, nachzufragen, was diese Personen innerhalb dieser Zeitspanne taten, nicht taten, glaubten, an Überzeugungen lebten. Ich weiß es, weil ich die Fragen selber nicht gestellt habe. Und dies ist Angst? Angst davor, etwas zu erfahren, was das Zusammenleben mit diesen Personen belasten kann. So ist ganz menschlich das Hemd näher als die Hose. Aber das Hemd ist zu eng, es zwickt an allen Enden. Und es nimmt die Luft. Einer meiner Großväter war in Frankreich im Krieg. Mehr weiß ich nicht. Ist das eventuell, neben der Angst, fehlende Empathie? Was treibt dann viele Deutsche dazu, der israelischen Politik Vorhaltungen zu machen, und dabei ein enormes Herz für die Leiden der palästinensischen Bevölkerung zu beweisen? Dieser Teil ist definitiv nicht beanstanden, doch sind mir die Motive dubios. Warum dort der Abstand zur Vergangenheit von nahestehenden Menschen, hier das große Mitleiden? Es erscheint mir als eine kuriose Ersatzhandlung. Oder einfach gesprochen: weiterhin schwelender Judenfeindlichkeit? Vielleicht. Es gibt genauso viele Gründe, wie es Meinungsträger gibt. Letztlich steckt in den heute lebenden Deutschen, wenn sie sich erst einmal mit den Geschehnissen jener Zeit auseinandergesetzt haben, ein Gefühl der Mitschuld alleine schon auf der Basis der verwandschaftlichen Verbundenheit mit den damaligen Tätern. Oder Zuschauern. Und auch dies drängt gerne in der Gegenwart dazu, jetzt das Richtige zu tun. Das ist ebenfalls wiederum nicht falsch, doch wird damit der Bezug von Damals zu Heute gezogen, denn das heutige Tun wird durch die Gräuel der Vergangenheit befeuert. Möglicherweise ginge uns Israel heute an den vier Buchstaben vorbei, wenn unsere Vorfahren nicht die indirekten Gründerväter dieses Staates geworden wären und damit im Anschluß noch das Elend der dort lebenden Araber mitverursachten.

Warum tut sich der Mehrheitsdeutsche dann mit einer Aktion, wie den Stolpersteinen, die vor Ort an ehemalige jüdische Mitmenschen erinnern sollen, so schwer? Ist es die Nähe zur Gegenwart, dieser zeitliche Brückenschlag, der Ängste heraufbeschwört, daß diesen Stolpersteinen auch eine Mahnung innewohnt? Ein „Nie Wieder!“? Hat der deutsche Bürger möglicherweise ganz für sich erkannt, daß dieses „Nie Wieder!“ harte Arbeit bedeutet? Oder liegt im Argwohn gegen die Stolpersteine die schon angesprochene Nähe zu den eigenen Vorfahren, die vielleicht Menschen zum Stolpern brachten? Oder sind dem Bürger die Mahnmale am liebsten, die von Gemeinde- oder Staatswesen errichtet, angebracht werden? Der Mensch, nicht nur in Deutschland, läßt sich ungern von den negativen Seiten der Vergangenheit berühren. Doch das ist falsch. Die Lehren der Vergangenheit wären verloren. Es entstünde die gleiche Situation, wenn die Menschheit jedwedes Lesen einstellen würde. Es ist zwar, wie ich oben schrieb, meines Erachtens falsch einen aktuellen Konflikt, wie jener in Israel, in Palästina, mit einem vergangenen Konflikt zu vergleichen, gar aufzurechnen, doch sind Lehren und Erfahrungen aus vergangenen Konflikten unabdingbar und anwendbar.

Da ich gerade die Erstellung und Übernahme von Mahnmalen durch Gemeinwesen ansprach… ist das komplette Überlassen dieses Aspekts vom Individuum an die Allgemeinheit nicht in gewissem Maße der letzte Sieg der totalitären Regime? Die Frage lasse ich mal stehen.

 

30.05.2015 bis 04.06.2015 – ein Dilemma

Ich mochte die heutige Überschrift um zwei Wörter neben dem üblichen Datum erweitern, damit klar ist, daß es sich nicht um einen einfachen Eintrag handeln wird. Später wurde aus dem üblichen Datum sogar noch ein Zeitraum.

Ich möchte zunächst mitteilen, wie wenig ich weiß bezüglich des Dilemmas, das ich heute besprechen möchte. Ob der Streit heute noch aktuell ist? Das weiß ich zum Beispiel nicht. Es wäre wünschenswert, daß man sich ausgesöhnt hätte. Wer soll sich aussöhnen? Julian Cope und Tim Lewis. Tim Lewis ist den meisten Menschen besser bekannt unter seinem Künstlernamen Thighpaulsandra. 2005 veröffentlichte er das Album Double Vulgar II. Schon um das erste Double Vulgar-Album entstanden Kontroversen, doch #2 setzte dem ganzen eine Krone auf. An diesem Beispiel kann jedoch gut und ausgiebig die Freiheit der Kunst diskutiert werden.

Setzen wir uns kurz mit den Biographien der Protagonisten auseinander.

Tim Lewis stammt aus Wales. Begann in 1980’er als einfacher Rockmusiker, der es auch gerne krachen ließ, musikalisch. Zur ersten Zusammenarbeit mit Julian Cope kommt es im Jahr 1994, als Lewis Keyboards und Synthesizer für Copes Album Autogeddon spielt. In der Folge wird Lewis für einige Jahre zu Julian Copes wichtigstem musikalischen Kompagnion. Dieser hat seit den Tagen, als er in Liverpool seinen Einstieg in die Musikerkarriere nimmt und mit der Band The Teardrop Explodes kurzzeitig zum Popstar aufstieg, immer wieder enger mit einzelnen Bandkollegen, Freunden, Mitmusikern zusammengearbeitet. So übernahm Lewis diesen Staffelstab von Donald Ross Skinner, mit dem sich Cope dann während der Arbeit an Autogeddon ein wenig überwirft. Skinner wird erst zehn Jahre später bei Konzerten wieder mit Cope auf einer Bühne stehen, obwohl man sich nach dem Streit schnell wieder versöhnt hatte. Es blieb bei einer freundschaftlichen Trennung. Als es Cope dann weiter in der zweiten Hälfte der 1990er mehr dazu drängt als Buchautor tätig zu werden, schließt sich Lewis zunächst als Livemusiker der Band Spiritualized an. Ebenfalls wird er loses Mitglied von Coil. Der Kontakt zwischen Spiritualized und Julian Cope wird mit den Jahren auch immer enger, denn mit zwei weiteren Mitgliedern dieser Band formiert Cope 2001 das Projekt Brain Donor. Doch der Einfluß von Tim Lewis als Thighpaulsandra im Sound von Coil ist größer, wird doch mit seinem Eintreffen die sogenannte Mondphase der Band begonnen.

Was geschieht dann 2005 mit der Veröffentlichung des erwähnten Albums Double Vulgar II? Das veröffentlichende Label Beta-Lactam Ring Records versendet Promos, unter anderem an Julian Cope. Dieser wird später folgend paraphrasiert: „I can’t be associated with things like this, I’ve got a family.“ Ich möchte nicht mit solchen Dingen in Verbindung gebracht werden, ich habe eine Familie. Diese Aussage bezieht sich vermutlich vollständig auf das Artwork der CD, das hier besehen werden kann: http://nnm.me/blogs/stombik/thighpaulsandra_-_double_vulgar_ii/

Hierbei fehlt jedoch noch ein Bild, welches zur Promo-Veröffentlichung gehörte und den erigierten Penis des jungen Fotomodells, Chris Jones, zeigt. Da Lewis-Thighpaulsandra nie auch nur den Ansatz eines Hehls aus seiner Homosexualität gemacht hat, sollte Julian Cope nicht überrascht gewesen sein. Auch zeigte das 2003 veröffentlichte Double Vulgar den Star auf dem Cover in einer eindeutigen Kuschelpose mit Liebhaber. Als Mitglied von Coil musizierte Lewis in einem Umfeld massiv ausgelebter Homosexualität. Die beiden Coil-Gründer, Jhonn Balance und Peter Christopherson, hatten nicht zuletzt 1984 der Band Aufmerksamkeit beschert mit der Ansage, ihre Musik solle die homosexuelle Energie des Planeten erhöhen. Wohl an! Wir erkennen, daß Julian Cope hier kaum ein Problem gehabt haben kann. Und da die Musik auf Double Vulgar II nicht grundlegend anders ist, als auf vorangegangenen Thighpaulsandra-Alben, mag auch dies nicht zur Verstörung und Abbruch des Kontaktes geführt haben. Bleiben also die Images, die Fotographien, die optische Kunst.

Ist es Kunst? Wenn ich mir die Bilder so unvoreingenommen, wie möglich, betrachte… was sehe ich? Versuche ich, den homosexuellen Hintergrund des Musikers und älteren Modells Tim Lewis, des jüngeren Modells Jones – der auf einer Webseite namens Gaydar von Lewis gefunden und kontaktiert wurde – und des Designers Christopherson in den Hintergrund zu rücken. Oder funktioniert es dann nicht mehr? Ich schaue mal.

Das Titelcover zeigt Lewis, der über Jones hockt, welcher mit nacktem Oberkörper auf einer Wiese liegt. Lewis hält eine Art Stock an Jones‘ Hals, blickt dabei in die Kamera. Er wird sehr prominent aus dem Hintergrund beleuchtet (Cover1). Das nächste Bild zeigt Lewis, der Jones ,über seine Schulter geworfen, trägt. Jones ist nackt, der Betrachter sieht seine Rückseite. Jones könnte bewußtlos sein. Die Umgebung wirkt total unbelebt. Lewis steht vor der Eingangstür einer Hütte (Cover2). Folgend sehen wir ein erstes Bild, das möglicherweise innerhalb dieser Hütte gemacht wurde. Lewis hält Jones‘ Kopf, der sich auf seiner Brusthöhe befindet, mit der rechten Hand von hinten, drei Finger seiner Linken zwängen sich in Jones‘ Mund. Jones drückt Schmerz aus (Cover3). Das vierte Bild zeigt ein Gesichtsportrait des jungen Modells. Blutspuren unter dem linken Auge und der Schulter sind zu sehen. Jones wirkt dennoch gelöst (Cover4). Das letzte Bild zeigt erneut den nackten Chris Jones, doch dieses Mal sieht man ihn bäuchlings auf einer Wiese liegen (Cover5). Und dann war da natürlich noch der delikate Höhepunkt, das Backcover: ein Schuß des, wie schon zuvor geschrieben, steifen Penis von Chris Jones.

Der erste Gedanke mag in Richtung reiner Pornographie gehen, dabei der entsprechenden Nische von SM (Sadomasochismus), weil physische Aktion überwiegt, zuzuordnen. Aber erzählen die Wunden in Cover4 nicht davon, daß für ein simples Rollenspiel zu weit gegangen wurde? Auch berichtet mir der Blick von Tim Lewis, daß hier keine Pornographie per se veröffentlicht wird: dieser Blick, der einerseits sehr bestimmt ist, andererseits jedoch jede Aggressivität vermissen läßt, selbst wenn die eigene Hand sich in den Mund des Partners bohrt. Nein, zur Deutung geht kein Weg an der sexuellen Orientierung der Protagonisten vorbei. Genauso, wie das Sexualverhalten des Betrachters wichtig wird. Denn obwohl die Fotographien im Grunde genommen überhaupt keine lusterzeugende Ausstrahlung haben, beziehungsweise auch gar nicht erzeugen möchten – vielleicht mit der Ausnahme des Bildes Cover5 – so ist dennoch keines der Bilder ohne sexuellen Hintergrund zu verstehen. Für das Titelcover (Cover1/Lewis mit Stock auf Jones) könnte man sich vielleicht noch vorstellen, daß hier eine reine körperliche, verfehlt pädagogische Züchtigung irgendeines Vergehens vorgenommen wird. In der Kunst ist schließlich vieles inszenierbar, auch das seltsamste Verhalten. Ich denke dabei an Hieronymus Bosch, dessen Höllenphantasien und grinse für mich. Doch ist in Foto Cover1 dieser Blick von Tim Lewis direkt in die Kamera, der den Betrachter einlädt: Komm, mach mit. Was antworte ich, der Voyeur? Der Blick von Tim Lewis öffnet die Tür zur sexuellen Interpretation. Er stellt klar: Hier sind zwei Männer, hier ist homosexuelles Terrain. Hier wird der Bogen begonnen, der in Cover5 das Fleisch des Penis als Feier anbietet. Und so funktionieren die Bilder Cover2-4 auch nur dann, wenn der Betrachter integriert wird. Dann entsteht die Geschichte, die in diesen Bildern erzählt wird. Ohne den Betrachter sind gerade diese Fotographien schal und wertlos. Sie erscheinen im besten Fall als mittelmäßige Provokation, die vielleicht noch mit stumpfem Messer für die Freiheit der Kunst kämpfen will. Doch kann dies nicht der Fall sein, denn wiederum blickt Tim Lewis in Cover2 und 3 in die Kamera, sowie Chris Jones es in Cover4 tut. Es geht um Kontaktaufnahme. Und hier erinnere ich noch einmal an den Einstieg, als ich Julian Cope erwähnte, der nach Konfrontation mit diesen Bildern den Kontakt zu Tim Lewis alias Thighpaulsandra abbrach. Er sah die Bilder und diese sprachen: Hallo Julian, wie sieht es aus? Bist auch du der Meinung, daß wir Schwule ein solch perverses Pack, wie hier dargestellt, sind? Peter Christopherson, der Designer und Fotograph dieser Bilder, spielt nämlich genau mit diesem Ansatz im Subtext der Bilder. Es geht um das potentielle Bild homosexueller Männer in den Vorstellungen der anderen Menschen. Und dieses Bild wird hier gleichermassen beworben, als auch ad absurdum geführt, denn Tim Lewis erscheint einfach nicht wirklich in seiner Rolle als Dom aufzugehen. Er wirkt physisch gleichgültig, doch ist er in dieser Rolle anwesend mit dem Anflug eines motivierten Dozenten.

So schleicht sich dann noch ein weiterer Aspekt in die Deutungsebene. Schließlich trägt die CD, für die dieses Artwork geschaffen wurde, den Titel Double Vulgar II. Was mag denn doppelt vulgär sein? Die Homosexualität aus der Sicht der unbeteiligten Dritten habe ich schon angeführt. Dabei möchte ich grundsätzlich festhalten, daß es mit Sicherheit schwule Männer gibt, die dieser Art der Lust auf einer der beiden Seiten gerne frönen und ihre Befriedigung darin finden. Doch ist dies unter gleichgeschlechtlich liebenden Männern eine Nische, wie es auch in der gesamten menschlischen Sexualität jenseits des Mainstreams steht. Es zählt, aus meiner Sicht, aber der Grundsatz: Schön ist, was gefällt und einvernehmlich geschieht. Ein Teilaspekt des doppelten Schmutzes möchte ich in einer Frage formulieren: Lieber Julian Cope, welcher Hintern gefällt Ihnen besser: Chris Jones oder Nicky Minaj? Jones‘ Po wurde in dieser Untersuchung bereits als nackt zu sehen beschrieben, für die angegebene Dame gebe ich Ihnen die Suchwortkombination: „Nicky Minaj Anaconda“. Nein, es sollte von meiner Seite keine Verurteilung sein, daß Frau Minaj ihr Gesäß nicht besonders verhüllt, sondern eher prall zur Schau stellt unter der Zuhilfenahme eines Zentimeters Stoff. Doch ist die Frage durchaus berechtigt, warum hier eine kuriose Form von Diskriminierung in der Popkultur stattfindet? Warum darf Nicky Minaj? Warum darf Chris Jones nicht? Hätte er noch einen String getragen, wären die Bilder nicht wirklich anders geworden. Und überhaupt würden viele Menschen bestimmt auch gerne mal Kanye West zu 95% nackt sehen. Oder Orlando Bloom. Mats Hummels. Männer immer nur bekleidet, also Erotik statt Porno? Soso. Immerhin steht Michelangelos David für Hochkultur. Die vorangestellten Fragen bleiben dennoch für uns alle noch offen.

Was die Zwistigkeit zwischen den Herren Cope und Lewis anbelangt, ist mir während dieser Arbeit klar geworden, daß es sicherlich noch weitere Aspekte gibt, möglicherweise eher im privaten Raum, die hier zu den Verwerfungen führte. Vielleicht empfand Mister Cope die Selbstinszenierung von Tim Lewis als a) homosexuellem Dom und b) als Unruhestifter für den Rest der Welt als zu narzistisch und egozentrisch. Diese Möglichkeit wäre nicht ganz von der Hand zu weisen, braucht es doch einen wirklich starken Arm, um der Welt den Spiegel vorzuhalten.

Mir bleibt noch eine letzte Frage, die sich beim Betrachten des Double Vulgar II-Artwork einstellte: Wieviele unterdrückt homosexuelle Männer gab es eigentlich unter den Nationalsozialisten? Guido Knopp, übernehmen Sie bitte.

17.05.2015

Es ist heute der Tag, der am 17.05. geborenen. Nachdem der §175 dStGB seit 1994 aufgehoben ist, ist endlich die männliche Homosexualität straffrei. Hurra! Dies ist auch für nicht homosexuelle Männer ein Grund zur Freude, denn – ob mann sich auf schwule Kontakte einläßt oder nicht – das Tor zu diesem Teil eines kompletten Menschenbildes ist nicht mehr staatlich unter Strafe gestellt. Überhaupt bringe ich in diesem Zusammenhang die Frage an den Rest der Welt: Was geht den Staat die Sexualität von erwachsenen Menschen an? Natürlich unter dem Gesichtspunkt, daß der Zwang zu sexuellen Handlungen ein Verbrechen darstellt. Doch bei einvernehmlichem Sex muß der Staat außen vor bleiben. Doch dies war 122 Jahre in deutschem Rechtsgebiet nicht der Fall, und verwunderlich ist, daß während der ersten sozialdemokratischen Regierungsphase in der Bundesrepublik dieser höhnende Paragraph nicht schon gekippt wurde. Natürlich wird auch heute noch gerne mit einem verqueren moralischen Bild gegen jedwede Homosexualität angegangen, die in meinen Augen jedoch gerade charakterliche Mängel bei den feindlichen Predigern offenlegen, schließlich ist es nicht nur eine Frage von Offenheit und Toleranz, sondern gar einfacher Respekt gegenüber anderen Menschen, der dazu anhalten sollte, eine eventuell negative Meinung über Homosexualität einfach für sich zu behalten. Schließlich wird kein Mensch dazu gezwungen. Und wenn doch, handelt es sich um den Sachverhalt der Vergewaltigung, und dieser ist zum einen strafbar und unter Heterosexuellen leider häufiger anzutreffen (das „leider“ bezieht sich auf die Opfer einer Vergewaltigung).

Insofern ist es ebenfalls eine Pflicht für jeden aufgeklärten Staatsbürger sich global für die Rechte homosexueller Frauen und Männer einzusetzen, die oft unter massivsten Repressalien leiden müssen. Denn die Feinde der Freiheit gibt es überall. Und ob Frauen unterdrückt werden, Lesben und Schwule gejagt werden, Zugezogene angepöbelt werden, die Angst geht um in den Hirnen der Bemitleidenswerten. Das Fremde, oh, das Fremde! Es greift um sich und alles wird niedergerannt von dem Fremden, den fremden Sitten. Oh, Grundgütiger, wir werden alle zu homosexueller Unzucht angehalten mit den fremdesten der Fremden. Lasst uns schnell vor Kreuzen niedersinken, uns verschleiern oder für Gotteskrieger in idiotischste Kriege ziehen, nur um das Fremde Sein vor unseren Türen bekämpfen zu können, zu ignorieren, zu beschimpfen, niederzumetzeln. Die Angst! Die Angst! Vor dem Fremden…

Keine Entschuldigung von mir für diese Pöbelei. Ich bin glücklich, mich in dieser Welt schon immer fremd gefühlt zu haben. Danke, irrer Geist.

 

Liebe Welt,

einige kurze Worte, die auch anderweitig Verwendung finden werden.

eine kurze Geschichte des 20. Jahrhunderts

Inmitten der Hügel an Kram fand ich ein Notizbuch, aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Dieses war mit Fragen überfüllt. Fragen fanden sich darin. An jeder Ecke.

Zweifel, die sich in Fragen hüllten!

Fragen, die ihre Zweifel in sich hüteten!

und während ich die Fragen sichtete, blickte ich kurz auf und sah eine Frau, so ergreifend und klug, wie ein Gerhard-Richter-Gemälde. Die Fragen nahmen mich im nächsten Moment wieder gefangen, die Farben zerflossen. Den Blick wieder gebannt in das Notizbuch versenkt.

Inmitten der Trümmer fand ich eine Schatulle.

Inmitten der Trümmer fand ich ein Haarband.

Inmitten der Trümmer fand ich eine Holzfigur mit langer Nase.

Inmitten der Trümmer fand ich einen Spiegel.

Inmitten der Hügel an Kram fand ich ein Notizbuch.

Inmitten des Notizbuches fand ich Wörter. Die Wörter griffen sich an ihren Händen und verbanden sich zu zweifelgetränkten Fragen. Der Zweifel wies zu einer Denkerstube. Der Zweifel lugte an jeder Ecke aus Haufen an Kram hervor. Haufen an Buchstaben und Wörterhülsen, zerstreut über den Eichenfußboden. An den Wänden Gemälde von Erich Heckel, Egon Schiele.

Inmitten der Trümmer fand ich Ideologien.

Inmitten der Trümmer fand ich Ideen.

Inmitten der Trümmer fand ich Visionen.

Inmitten der Trümmer fand ich die Metaphysik.

Inmitten der Trümmer fand ich den Dandy.

Inmitten der Trümmer fand ich den Nihilisten.

Inmitten der Trümmer fand ich den Hochmütigen.

Inmitten der Trümmer fand ich den Gestiefelten.

Inmitten der Träume fand ich Trümmer.

Während ich sinnend, das Notizbuch in meiner Hand, ging, stieß ich auf einen Stacheldraht. Ich blickte zu Boden, es war ein Graben dort. Ich blickte nach oben, es war dort eine Schußanlage.

Kann ich jetzt für ein zukünftiges Paradies töten?

Wen kann ich jetzt für ein zukünftiges Paradies töten?

Weshalb kann ich jetzt für ein zukünftiges Paradies töten?

Kann ich Menschen in einem Lager sammeln, um sie morgen für ein zukünftiges Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition einsetzen, um Menschen dazu aufzufordern, andere jetzt für ein zukünftig versprochenes Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition damit ausbauen, das ich Menschen dazu auffordere, andere jetzt für ein zukünftig versprochenes Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition damit stärken, daß ich Menschen ausliefere, die ich zuvor dazu aufgefordert habe, andere für ein zukünftig versprochenes Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition damit zementieren, daß ich Menschen ihre Sprache nehme, um sie in ihrer Unwissenheit zum Mord an anderen aufzuhetzen?

Während ich sinnend diese Fragen las, stand ich an einem Stacheldraht, vor mir der Graben, über mir die Schußanlage. Während ich sinnend die Fragen las, lagen hinter mir die Trümmer. Während ich sinnend die Fragen las, stürzte in meinem Rücken ein Gebäude ein. Während ich sinnend die Fragen las, stürzten Kinder, Frauen, Männer zu Tode. Waren neue Trümmer über die Träume gestürzt. Waren neue Trümmer über die Träume gestürzt. Inmitten eines Jahrhunderts stürzten neue Trümmer über tote Träumer. Inmitten eines Jahrhunderts stürzten schwere Trümmer über tote Träumer. Inmitten eines Jahrhunderts. Inmitten eines Lagers eingesammelt, mit schweren Träumen die Taschen gefüllt.

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse, Jean-Paul?

Inmitten eines Lagers hob ich den Kopf und sah in den blanken, blauen Himmel. Sah keine Engel, sah keinen Gott, sah nur Wolken. Sah keine Engel, sah keinen Gott, sah nur weisse Wolken.

Liebe Welt,

einst in tiefem Traume Nummero Zwo: da sah ich diese Geschichte und was dazu geschah. Ich schrieb sie auf, änderte wenig bis nichts, denn das Drehbuch war so fein schon vorbereitet.

the black angel’s death song

Mein Name ist Gideon Hunziger. Ich zähle noch keine dreiunddreißig Jahre, lebte in Prillwitz, bis zu dem Tage als mich die Beiden ansprachen. Dort habe ich als Küster unserer Kirche gedient; auch als Totengräber, denn ich habe kein Handwerk gelernt. Im Süden war meine Heimat, bin in Roßla geboren und gut einige Jahre dort immer gern nach dem Kyffhäuser gewandert um den großen Kaiser zu sehen, wenn er kommt. Dann aber bin ich dem Korsen Auge in Auge gegenübergestanden! Damals, bei Leipzig, da hätte ich ihn tödlich streifen können! Doch hat mir ein Franzmann das Knie zerschmettert, und ich armer Knirps bin so grade mit meinem Leben davongekommen. Oh, wie ist das dann übel mir gegangen, denn mein Vater ist nicht aus der Schlacht heimgekehrt und meine Mutter war schon immer siech! Der Oheim Karl hat mich, kaum das ich dann fünfzehn Jahre zählte, mit einem Empfehlungsschreiben hier herunter zum alten Boll geschickt. Drei Monate war ich unterwegs, habe mich auch mal irreleiten lassen, und stieß nach einigen Tagen auf die Oder, so nannte ein Fuhrwerker mir den Fluß, der mich dann in den Norden mitnahm, bis ich wieder Fahrt auf Neubrandenburg fand. Der alte Boll hat mich nach Prillwitz verwiesen und so hab ich dann dort erst eine lange, harte Schulbank gedrückt. Ja, zwei Jahre hat mich der Alte mit den Knirpsen auf die Bank gezwungen, jeden Vormittag, damit mir der Schädel brummen sollte. Dann lag der Alte plötzlich selber in der engen Kiste, noch gar nicht einmal sehr alt. So nahmen mich die Bolls dann nach Neubrandenburg in ihr Hause auf, wo ich mir gerne die Zeit mit Franzel vertrieb oder auf den kleinen Ernst Obacht geben mußte. Einmal dann, nach Jahren ist der König in die Stadt gekommen, und ich bin mit Franzel und Ernst dorthin gegangen, ihn zu sehen. Naja, ich denke immer nur an den Korsen, der mir so nah war, ich hätte ihn wirklich beinahe gehabt, auch wenn ich dann dem Schlag von dem Anderen wohl nicht mehr hätte so ausweichen können.

Der Franz ließ mir eine Nachricht aus Halle kommen, worauf ich nach Greifswald hinging, damit ich dort eine Sendung für ihn übernähme, auf die er schon Monate wartete. Die Sammlung seines Vaters an Altertümern mochte er damit erweitern. Dort angekommen, sprachen mich die Zwei an. Ich kann nicht sagen, mit welchem Bedürfnis sie sich an mich wendeten, doch kam ich ihnen nicht aus dem Wege. Selbst auf der Heimreise stellten sie mir nach, ohne je gesagt zu haben, was ihr Begehr denn sei. Die kleine Truhe, die ich immer fest an mich preßte, bedachten sie mit keinem Blicke.

Endlich kam Prillwitz in Sicht. Ich saß noch auf dem Fuhrwerke, daß mich seit Stargard mitgenommen hatte. Dort hatte ich mich in trüber Abendstimmung aus der Beobachtung der Zwei herausgeschlichen. Franz empfing mich dort in meiner kleinen, alten Heimat, freute sich, wie ich es selten bei ihm gesehen hatte, über diese kleinen Utensilien, die er aus der Holzkiste herauszog. Eines war ein Kamm, ich erinnre‘ mich genau, den er strahlend vor seine Augen hielt: „Mindestens viele hundert Jahr‘ schon alt!“ Es war ein so schönes Bild. „Endlich in der Heimat wieder!“, rief er. Zwei Tage hernach, Franzel war wieder über Neubrandenburg gen Halle zum Studium, hatte ich mein nicht sehr üppig Tagwerk erledigt und wanderte am Tollensesee entlang, bis ich mich in den Osten verlor und plötzlich vor Stargards Toren stand. Kaum, daß ich einige Momente verloren durch die Strassen herumirrte, standen die Zwei vor einer Schenke, wiesen auf mich, riefen mir zu und ich konnte nicht mehr umhin, ihnen in das Innere des Krummen Dolches zu folgen. Dort saß ich schnell zwischen Ihnen und endlich ließen sie mich ihre Namen wissen. Der größere und fraglos ältere der Zwei hieß András Tokody. Er nannte sich einen ungarischen Edlen, den die verhaßten Habsburger von Grund und Boden vertrieben hatten, da er keine Gefolgschaft leisten wollte. Tiefer Schrecken durchfuhr mich, als er ihnen mit geballter Faust grollend drohte. In den folgenden Tagen hörte ich noch oft den Fluch auf den elenden Franz, den Totengräber! Der Andere war kleiner, aber dennoch von größerer Kraft, wie mir vom ersten Momente an schien, und so fürchtete ich mich vor diesem wesentlich mehr, zumal er einen groben Stoff nur nutzte, um seinen schmalen Körper zu bedecken. Seinen Namen ließ meine Zunge kaum ohne Fehl aussprechen. Er nannte sich Zsolt Sztáray. Er stammte aus einer Händlerfamilie, die in Buda wohl mehr als tausende Ellen Lager besaß, die unzählige Boten, Reisende und Rechner beschäftigte und die ihm nicht zu helfen vermochte in seinem Elend, wie ich von ihm auch später erfuhr. Siebzehn Jahre sei es nun her, seit er die Heimat verlassen habe, um der Welt gegen den Korsen beizustehen.

Den großen Kampf bei Leipzig hatte er in einem Regiment der Preußischen Armee bestanden, dem er folgte, bis zum Tage von Waterloo, als ihm der General Blücher selbst Dank sagte. Der Kampf nun gewonnen, hielt Sztáray die Hand auf, um den Lohn eines Jahres harten Dienstes für die freien Völker zu erhalten. Doch man trieb ihn mit Knüppeln davon. Es solle ihn doch sein eigen Volk auszahlen, oder die elenden Wiener, die im faulen Prunke ertranken.

So habe er sich umhergetrieben. Sieben Jahre lang habe er in allerlei Unternehmungen verdingt, bis endlich in Koblenz er dem Landsmann, dem verlorenen Tokody, begegnete. Man erkannte schnell des anderen Geist und geschwind war man nach ersten Streichen der Stadt verwiesen. Auf dem Weg nach Osten schworen sie dieser kleingeistigen Welt die höchste Rache, doch wollten sich die beiden Schadenslüsternen zunächst nicht auf einen generalen Gedanken einigen. Auch wollte immer der tägliche Hunger gestillt werden. So verwandt man eine üble Zeit, durch die Lande zu ziehen, ohne das der nächste Tag je wußte, welche Gestalt er denn tragen würde. Auch wurden die Pläne, die man schmiedete immer zerfahrener, wußte man heute nicht ob der Feind ein Habsburger, ein Preusse, Russe oder gar ein Landsmann sei. Zuoft träumte man wirr vor sich her, ertranken Tokody und Sztáray ihren Schmerz während trübem Abendglanz im Branntwein und versuchten sich nach Morgengrauen darin, Geld für den nächsten Umtrunk auf allerlei dunkle Art zu erwerben.

Eines Nachts jedoch wurde Tokody von seinem jüngeren Freunde wütend aus dem Schlaf gerissen, darauf dieser ihm berichtete im Traume von Gesichtern bedrängt worden zu sein, und er, Sztáray, nun wisse, wohin es sie ziehe! Es ginge um das Leben Friedrich Wilhelms, des Preussenkönigs! Sie beide müßten dieses beenden. Es müsse nun geschieden werden, und alles, was sie noch bräuchten seien die tötlichen Worte und einen, der sie spräche. Dieses Geschehen vollzog sich in einer schlimmen Märznacht in Berlin und die Magyaren fühlten den Frevel mit solcher Stärke in ihrer Brust brennen, daß sie diese Stadt noch vor der Mittagszeit verließen und nicht mehr von der Strecke in den Norden abwichen. Hier trafen sie bald auf die Tore der altehrwürdigen Stadt Greifswald, und dort sahen sie mich und erkannten meinen Platz in ihrem Plangespinst. Wie ich schon berichtete, konnte ich dem bösen Ansinnen der Beiden noch bis zu meiner Rückkehr nach Stargard entgehen. Dort wurde ich ein Teil des Netzes, das den guten König einnehmen und zu Tode bringen sollte. Aus der Schenke nahmen sie mich auf die Straße, einen kurzen Stich in eine geringe Talsenke hinab, dort östlich von der Stargarder Burg. Im dichten Busch hatten sie sich einen Unterstand aus Gestrauch, Stein und Baum geschaffen; Sztáray lief auch immer flink den Stamm hinauf zum Ausguck. Ich saß auf lichten Grasbücheln, ich bekam nun Angst. Der gealterte Tokody, der graue Stich im Gesicht, die Augen, die sich in ihre Höhlen zurückgezogen hatten und dagegen dieser feurige Sztáray. Solche Unterschiede mochten sich nicht in meinem Geiste treffen und vereinigt Werke starten und zu Ende bringen. „Was denkst Du über den König?“, rief Sztáray aus dem Baume herab. Ich stierte in das Grün über meinem Schädel und mochte nicht sehr gescheit geschaut haben, es entgegte mir ein schallend Lachen, in das auch der müde Tokody nach einigem Schnaufen einfiel. Nie hatte ich mir darüber einen Gedanken gemacht, und so sprach ich es auch aus. „Aha! Dann kannst Du unser Mann sein, Gideon! Das haben wir uns genauso ausgemalt, als wir Dich zum ersten Male sahen.“ Immer noch kam keine Erleuchtung, als Tokody mir müde eine Schrift zusteckte. Ich besah mir die gestochen zu Papier gebrachten Zeichen und versuchte die Worte im Geist zu formen. Die Stirn in kraus gelegt, hatte ich die ersten zwei Zeilen entziffert, da sprang der fesche Sztáray aus dem Baum herab, riß mir das Blatt aus der Hand. „Na, das Augenrollen mußt Du noch sehr gut lernen, nicht wahr, András?“ Tokody nickte: „Er muß noch viel, viel lernen!“ „Was wollt ihr mit dem König?“, warf ich in die Runde. Sztáray hatte, das Blatt in der Hand, in einem Strauch gewühlt und dort eine braune Flasche gefunden und schnell entkorkt. Mit einem stechenden Blick hielt er sie mir entgegen, worauf ich sie griff und trank. „Wir wollen nichts mit Deinem König, Gideon.“ Sztáray hatte sich zu mir herabgesenkt, sprach raunend, beschwörend: „Alleine sein Leben wollen wir ihm abspenstig machen.“ Noch einen Schluck mußte ich trinken. Die Dämmerung setzte ein und so schwand des Lichtes Stärke von oberhalb der Burg. Der alte Tokody hatte sich mit einiger Mühe erhoben, legte mir die Hand auf die Schulter: „Wirst Du uns dabei helfen? Du brauchst kein Schwert gegen Deinen König zu erheben. Alleine begleiten mußt Du uns auf Hohenzieritz, dort wirst Du diesen Text vortragen,“ er hielt das Blatt wieder in die Höhe, das er Sztáray aus der Hand genommen hatte, „und alles weitere wird von unserer Hand geschehen.“ „Wieso?“ Sztáray wandte sich ab, um leise grollend den Baum zu besteigen. Tokody ließ sich nun neben mir nieder. „Was er hat er Euch getan, daß Ihr sein Leben nehmen wollt?“ „Was hat er für Dich getan, Gideon?“ Darauf wußte ich nichts zu sagen, doch nach einigem Sinnen sprach ich in Franzel’s Art: „Er wacht doch über uns.“ „Oh, ja“, rief András Tokody mit Wucht aus, „dieser König wacht über uns und er wacht gut. Nein, ich will Dich nicht mit einer hintergründigen Ironie in die Irre leiten, die Du nicht verstehen wirst, junger Mann. Verstehe, wir beide, Du und ich zählen für diesen Mann nichts. Wir sind gerade gut genug, als Untertanen zu gelten, mehr nicht. Hast Du in Deinem jungen Leben bereits in einer Schlacht gestanden?“ Die Erinnerung an mein Heldentum in der alten Heimat sprang mir in den Rücken: „Ja, ich hab dem Korsen bei Leipzig gegenübergestanden. Beinahe hätte ich ihm einen üblen Hieb gegeben.“ Zunächst strahlend und wie aus einem Füllhorn sprudelnd, erstarb dann meine Stimme und meine Schultern sanken zusammen. „Gut, Gideon. Gegen diesen Tyrann haben wir alle vereint gestanden. Ja, der Franzmann hat das ganze Abendland geeint in stummer Wut, die sich dort in Leipzig und in Belgien in einen furiosen Sturm der Befreiung gebündelt hat. Wir haben ihn jeder für sich, dennoch gemeinsam in die Hölle geschleudert. Ja, auch Zsolt war in Leipzig. Er ist mit einem preussischen Regiment bis nach Waterloo gezogen, um den Despoten zu stürzen. Er führt den Säbel sicher und gut, weißt Du? Davon versteht er etwas, das ist sein bestes Handwerk, und ich will nicht wissen, wieviele Franzmänner er aufgespießt hat. Das wäre ein feiner Turm, wenn wir sie alle hier in den Himmel türmen könnten. Ja, das wäre die einzige Chance für diese feigen Spitzel in die Nähe von unserem Herrgott zu kommen!“ Tokodys schon vergessener Haß auf den alten Gegner schüttelte ihn nun von Neuem. Ich reichte ihm die Flasche, aus der er einen tiefen Schluck nahm. Die Sterne in jener Nacht glühten rot vor Zorn. Der Trunk nahm mich derweil in wärmende Arme und bald lag ich schlafend im Gras. Fühlte mich sicher und angenommen, bereit. Träumte von meiner Begegnung mit dem König, den ich bisher gerade für einen kurzen Moment je gesehen hatte. Würde ich diese Prüfung bestehen können?

Als der neue Morgen uns drei merkwürdige Gestalten weckte, da speisten die beiden Ungarn mich mit hartem Brot und am vergangenen Tage entwendeten Würsten. Sztárays Appetit war ungeheuerlich, seine Energie von ähnlichem Feuer und so war er es, der den alten Tokody und mich Unsicheren auf den Weg trieb. Die Beiden hatten Kunde erfahren, daß der König sich in diesen Tagen in Großherzog Georgs Schloß zu Hohenzieritz aufhielt, und diese Gunst wollten sie nicht tatenlos verstreichen sehen. Auf dem zunächst beschwerlichen Weg hin zum Tollensesee ließen die Zwei mich noch meist geschützt vor ihren Beschwörungen, die erst wieder einsetzten, als wir das Nemerower Holz erreichten, da wir dort auch eine erste Rast begannen. Tokody griff erneut zu jenem Papier, das er in seinem Beutel aufbewahrte. „Gideon, erinnerst Du Dich an meine Frage, was Du über Deinen König denkst, und was wir Dir über unsere Pläne verrieten?“ Ich nickte, während Tokody zweifelnd meine krause Stirn betrachtete. Er griff meine Hand: „Dein König ist kein guter Mann, dessen kannst Du sicher sein. Wir beide wissen auch, daß es nicht rechtens ist, das Leben eines jedweden Menschen zu beenden. Wir wollen keine Mörder sein, sei dessen ebenfalls gewiß, Gideon!“ Immer noch traf mich der harte, prüfende Blick des alten Ungarn. „Aber wir alle standen bereits in unserem Leben in einem Krieg und wissen, daß nur Taten zählen. Die Herren, für die wir den Korsen in die Hölle gefegt haben, sie haben sich gegen uns gewendet. Sie packen uns am Genick und schütteln alle Freiheiten von uns ab. Wir aber irren durch unser Leben und finden keinen Wert mehr in unseren Taten wider. Unser Schicksal ist allein das Holz für die Öfen, das Wasser für die Mühlen zu sein, die für das Wohlergehen weniger und unsäglicher Tyrannen zu sorgen. Dein Herr, dieser Friedrich Wilhelm, ist ein gottloses Beispiel für die unsägliche Torheit des Schicksals, das ihn an diese Position hingeschleudert hat. Er ist ein lebendes Beispiel für den Hass des Herrn auf seine Schöpfung. Ein Verfechter der Versklavung des Volkes, das nicht seinen eigenen Sinn, ein lebendiges Leben, ein vernünftiges Trachten verfolgen darf,“ Tokody spürte, daß ich ihm nicht mehr folgen konnte, „wir leben nur noch in Ketten und dämmern hin zum Tode.“ Der feste Druck, mit dem er meine Hand hielt, lockerte sich. Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Umarme mich, Gideon.“ Ich wußte kaum noch, wie mir geschah, doch schlossen seine Arme sich um mich. Wilder hat mein Herz nicht mehr geschlagen, seit ich dem Korsen in die Augen sah. „Wir Menschen müssen in Liebe miteinander leben,“ flüsterte er mir zu. Drohend setzte er nach: „Die Herren selbst, sie sind keine Menschen mehr.“ Das Feuer wurde gelöscht, das Wasserkesselchen eingepackt, der Weg fortgesetzt. Sztáray lief voraus, wachsamer als ein Rudel Füchse. Tokody nahm sich nun meiner Belehrung an: „Der König hält sich also zur Zeit auf Hohenzieritz auf. Es soll ein Ort der Muße für ihn sein, damit er der kleingeistigen Berliner Bürokratie entfliehen kann, die ihn so sehr fordert. Dabei vergessen wir nicht, daß er selbst der größte Tor ist. Nicht einmal lesen soll er können.“ Angewidert spuckte er aus, bevor er fortfuhr: „Der Großherzog Georg hat seit einigen Jahren ein großes Herz für die Poesie, und damit hat er seinen Schwager nach einiger Diskutiererei infiziert. Der König besitzt zwar kein reales Verständnis für diese Wortkunst, doch liebt er es, wenn die Verehrung seiner untertänigen Poeten sich darin zeigt, das sie ihm alleine ihre Werke auf Hohenzieritz vorzutragen pflegen. Er läßt sich hinter eine spanische Wand nieder und schläft, während davor die Dichter ihre Lobeshymnen vortragen. Und ebendies werden wir tun, Gideon. Du bist der Dichter und wirst unsere Poesie vortragen. Wir werden uns derweil als deine Diener ausgeben, die während des Vortrages im Hintergrund verweilen. Im rechten Momente begeben Zsolt und ich uns hinter den königlichen Schutzschild um Friedrich Wilhelm einen Besuch abzustatten. Du aber darfst in Deinem Vortrage nie inne halten.“ Tokodys Stimme besaß einen drohenden Unterton, durch den sich eine dunkle Wolke des Verhängnisses bildete, unter deren Schutz wir unseren Weg fortsetzten. Ich begann mich zu fürchten, während wir unseren Weg fortsetzten. Ein Mensch würde sterben, wenn uns niemand stellen würde. Meine Zweifel standen mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn Sztáray stieß Tokody an und raunte ihm mir unverständliche Worte ins Ohr. Sztárays stechende Augen ruhten nun unvermindert auf mir; selbst als in der folgenden Nacht ich endlich entschlief, tauchte er in meinem Traume auf, hier jedoch bewegungslos im hintergründigen Dunkel verharrend. Ein Wasserschwall weckte mich, es war noch dunkel. Wir waren nahe Wustrow und die Ungarn hatten vor, noch an diesem Tage ihre Tat gegen den König zu begehen. Tokody kroch mir ins Genick und hämmerte mir in den folgenden Stunden meine Worte auf das genaueste in den Schädel. Kein Stottern, kein Schleifen war gestattet. Am späten Vormittage erreichten wir den Anblick Hohenzieritz‘, und in meinem Innern nur ein Kreiseln, eine unerträgliche Angst, eine tiefe Übelkeit. Neue Kleider wurden mir gereicht.

Wie in einem schweren Traum zogen die nächsten Stunden vorüber. Wir erreichten das Schloß. Die Worte, die mir die Ungarn eingeschärft hatten, verließen fehlerfrei meinen Mund und die Dienerschaft des Großherzogs führte mich in einen Empfangsraum und bedeuteten mir zu warten. Meine Begleiter wies man vor die Türe. Ich verwahrte mich dagegen, forderte, daß sie an meiner Seite warteten und mir auch vor den König folgen sollten. Ein angedeutetes Kopfschütteln von Seiten des Pagen, bald unmerkliche Annerkennung in Tokodys Augen. Wir wurden nach einer ersten Wartezeit von Großherzog Georg empfangen, der nach Referenzen meines Werkes suchte, die ich, nach Auskunft der Ungarn gab, doch er schien nicht zufriedengestellt. Aber er wollte die Angelegenheit nicht vertiefen und überließ uns einer weiteren Zeit des Harrens. Mir schien, als sei die Dämmerung bereits angebrochen, da erschien der Page und es ward der Moment gekommen, auf den mich Sztáray und Tokody so fein vorbereitet hatten. Die Zeilen zogen unentwegt durch meinen Geist, das Reale schien mich kaum mehr zu berühren. Wie eine Marionette bewegte ich mich in das Kaminzimmer, sah die spanische Wand. Der Schatten, der sich darauf abbildete, flackerte mit der Bewegung der Flammen. Der Page betrachtete meine Begleiter, wandte sich dann um und schloß die Türe. Ich hörte die Stimme des Königs, der meinen Namen erfrug. Ohne Zögern gab ich Antwort, zählte auch die Stationen meines poetischen Weges auf. Ein beruhigtes Grunzen erscholl von jenseits des Schirms. „So trage denn Dein Werk mir vor.“
Ein leichtes Zittern überfiel mich. Ein Blick nach Tokody. Ich begann meinen Vortrag:
„So führen denn die Wege mich
aus einer üblen Finsternis hervor,
vor diesen Toren halte ich –
besinne und treibe meinen Geist empor
hinauf noch nie geahnte Höhen zu erklimmen,
die den Herren böse Träume werden.

So sehen Dich denn aus vier Augen
Deine Ängste blitzend an
allein Dir fehlt der wahre Glauben,
das Dir dieses widerfahren kann
so schnell, vom Blute rot die Ohren Dir erglimmen
sollen fallen sie, wie die Träume eines Kind.“
Meine Stimme erhob sich, wie ein Flehen gegen das Schicksal, dessen Hand ich führte. Die Ungarn hatten sich am Rande des Zimmers in die Höhe der spanischen Wand geschlichen und bewegten sich nun auf den König hin, der weder meinen Worten, noch den Gestalten, die nach ihm trachteten, Aufmerksamkeit zu schenken schien.
„So ist gelähmt und stumm Dein Sinn
feste im Griffe des großen Schrecken
hält der die kalte Klinge an deinen Halse hin,
so ist’s zu spät zu rufen nach der Hilfe Deiner fahlen Recken“
ich flüsterte die nächsten Worte, die mir nur schleichend aus dem Munde flohen.
„muß der König leiden“
ich sah erhobene Hand eines Gefährten, die über dem massigen Körper des Königs drohte und die nächste Zeile stand mir in den Augen geschrieben:
„muß der König sterben
und ist’s getan, dann ist’s zu spät“
doch blieb mir der Atem, floh mir der Mut, versagte die Stimme, die Hand blieb erhoben… mir fleuchten die Sinne.

That’s it, Folks!
Wer nach einem solchen Traumbilde, unverwirrt sein Tagwerk beginnt, muß einen großen Anteil mechanischer Apparaturen anstelle seines Herzen mit sich umhertragen. Ein solcher darf nie Tränen vergießen, da er zu rosten droht.
Wehe dem, ihr Herr Hansen!

Der geheime Wert der Mittagspause für die herrschenden Klassen

Liebe Welt,

auch heute heißt es wieder: Ab zu den Teichen. Wie wir feststellen werden, ist die Zeit vor der Mittagspause für die oberen Klassen die schlimmste. Später wechselt es sich dann flugs. Warum das so ist? Hmm. Ich sach jetz mal nix.

Ist Freiheit nicht ein anderes Wort für völlige Besitz- und Rechtlosigkeit??

Der Morgen dämmerte, und mit ihm erwachte der Froschkönig aus einem sonderbaren Traum. Er blickte in seinem Gemach umher, doch sah er keine Antwort auf die Fragen, die noch an ihm hingen. Auch in den folgenden Stunden trat keine Besserung für die immer quälendere Ungewißheit ein, die den Froschkönig peinigte. Immer wieder sah er die nächtlichen Schemen vor seinen Augen, doch konkretisierte sich nichts. Er benötigte Hilfe und verließ daher seinen Palast, um in der frischen Luft zu wandeln. Nach kurzer Zeit traf er auf den Frosch Ping, der gerade seine mittägliche Pause genoß und am Teich saß.

„Wie kommst es, daß du hier so feist umherfläzt? Hast du keine Arbeit, Frosch?“ Ping, der Angesprochene, sah erschrocken um sich, ob ein anderer die Frage des Froschkönigs verursacht habe. Doch er war weit und breit der Einzige, welcher sich in des Königs Nähe befand und dementsprechend von dessen Auge erblickt wurde. Er verhielt sich untertänig und gab dennoch forsch genug zu bedenken, daß er wohl arbeite und wer arbeite, der habe eine Pause verdient, welche er sich nun genehmige. Der Froschkönig, von seinen nächtlichen Traumgesichtern noch umfangen und gleichwohl voller Unlust, wischte die Argumente mit einer Handbewegung von einem imaginären Tisch und herrschte Ping an: „Pausieren ist für Nichtsnutzige, für Parasiten. Wer arbeitet, der genießt sein Tun. Ich bin dein König, und werde des Regierens nie müde. Wenn ich pausieren täte, wer würde für dich und die Anderen gerade stehen, und sie vor unseren zahllosen Feinden schützen. Wenn der nächste Schwarm an Störchen unsere Ufer besucht, werde ich mich in meinem Bette flätzen und zu euren Hilferufen pausieren, kleiner Frosch.“ Verärgert drehte sich der Froschkönig ab. Ping, sprachlos und gelähmt, wollte noch Vernünftiges kundtun, doch schafften es kein Wort seinen offenen Mund zu verlassen. Alleine eine aus Verletzung geborene Träne schlich sich aus Pingens Auge.

Er sei frei genug, zu tun, was er wolle, rief Ping Minuten später.

That’s it, Folks. Schlagfertigkeit gibt es leider nicht bei Obi, und wäre bei Praktiker sicherlich auch von 20%-Rabatt-Aktionen ausgenommen.

Heute ohne Gruß,
Herr Hansen.

Liebe Welt,

heute tauchen wir erneut in die unglaubliche Sagenwelt um die Freunde James, Ping und Peng ein. Auch in dieser aktuellen Erzählung wird wieder der Realität das blanke Entsetzen beigebracht. Sollte man jedenfalls meinen, so arg wie es wieder zugeht.

Ist die Freiheit den eigenen Lebensweg zu bestimmen wünschens-, gar erstrebenswert?

Es war der alljährliche Zeitpunkt wiedergekehrt, daß sich die Bären dieses Teils des Waldes versammelten, um einen neuen Anführer zu bestimmen. Dieser würde dann, wie es Regel war, für ein neues Jahr der Gemeinde vorstehen. James der Bär verabschiedete sich demnach von seinen Freunden, Ping und Peng, denn er würde für einige Tage abwesend sein. Beide Seiten winkten noch lange, bevor James, ausser Sichtweite geraten, alleine durch den Wald zum Versammlungsort wanderte. Ihm war nicht ganz wohl dabei, die Verwandten und alten Bekannten zu sehen, denn er hatte sich ein sehr eigenes Leben zurechtgelegt und dafür schon sehr viel Kritik in den letzten Jahren über sich ergehen lassen müssen. Warum konnte er nicht einfach so sein, wie er wollte? Was ging gerade die anderen jungen Bären sein Lebensweg an? Wenn sich seine Eltern sorgten, so hatte James noch Verständnis hierfür, doch bezüglicher der Kritik von Außenstehenden fühlte er sich nicht angreifbar. Vögel flogen zwitschernd um ihn umher, und James verstand plötzlich ein wenig von der Welt, in der sein Freund Peng lebte. Die Gedanken sind schneller und luftiger unterwegs, als diese einen Bären störenden Gefiederbomben. James sah das Ufer eines Flußes näherrücken, hielt auf diesen zu, um sich einige Fische zu fangen und seinen Hunger zu stillen.

Er war ein geschickter Jäger und so war es um zwei Lachse und einen Barsch schnell geschehen. Sie hatten James‘ Tatze nicht entgehen können und zappelten noch ein wenig in der warmen Luft liegend. James ließ sich auf das grüne Ufer nieder und besah sich die todesgeängstigten Fische, die sich um ihr Leben verbiegend krampften und in James eine selten gespürte Mitleidlosigkeit erweckten. Er hielt sie für gerade gut genug, seinem Magen zu gefallen und ließ sie sich schmecken. Er lehnte sich zurück und fühlte sich unglaublich wohl. Er schlief kurz ein und träumte von den Freunden, die ihm, wie vor Stunden hinterherwinkten, und riefen, daß er sich nicht zu weit an die Klippe wagen solle. Er verstand die Warnung in diesen Worten, doch ließ er sich nicht beirren, denn wenn ein Bär denkt, daß er etwas zu erledigen hat, dann können ihn Frösche nicht daran hindern. So schritt James im Traume an diesen Abhang, blickte hinab und zog sich sein Fell vom restlichen Leib und warf es hinab in eine Dunkelheit, die von bedrohlichen Schreien erfüllt war. Diese packten ihn und ließen ängstlich zurücktreten, plötzlich von einer starren Kälte heimgesucht. James wußte, daß es eine Sonne gab, die ihn wärmte, doch war dies alles, was er an guten Gedanken finden konnte. Endlich erwachte James und er saß weiterhin an einen Baum gelehnt am warmen Flußufer. Er mußte schnell weiter.

Der Weg war nicht mehr sehr weit, als James plötzlich zwei anderen Bären gegenüberstand, die ihn zu sich her riefen. Je einer auf jeder Seite, postierten diese Zwei sich und sprachen mit barschem Ton. Wo er denn herkäme, wollte der eine wissen. Was er denn auf dem Weg zur großen Bärenversammlung wolle, fragte der Andere. James runzelte seine Stirne und wollte seinerseits wissen, was denn diese törichten Fragen darstellten. Sie sollten ihm doch ansehen, daß er ein Bär sei und ein natürliches Recht habe, zur Versammlung zu erscheinen. Seine Eltern, seine Brüder und Schwestern seien dort und diese erwarteten ihn. Die beiden Bären lachten. Sie sagten, er sei dort nicht erwünscht. Er sei der, den man in allen Wäldern nicht James, sondern Froggy nannte, da er es mit den Fröschen halte. Auch habe er bei der letzten Versammlung sich nicht verpflichten wollen, den Reinheitskodex der Bären abzulegen. Danach habe ihn seine Familie doch verstoßen, ob er das denn nicht mehr wisse?

James spürte einen brennenden Schmerz in seiner Brust. Er hatte von diesen Vorgängen wirklich nicht gewußt, hatte sich nach den wütenden Blicken, die auf ihn gehagelt waren, als er den Reinheitskodex ablehnte, von dannen gemacht. Er hatte kein Gespräch mehr mit seiner Familie

gesucht, wollte nur noch nach Hause zu seinen Freunden, denen er von den ungeheuerlichen Vorhaben seiner Rasse berichten wollte. Ping war entsetzt, wie es auch James gewesen war. Peng hingegen lächelte überlegen und behauptete, daß er solches Gedankengut den Bären schon immer zugetraut habe. Er hielt auch James für aus der Art geschlagen. Das schmeichelte dem jungen Bären einerseits, doch hatte er sich in einem verborgeneren Teil seiner Seele auch als Verräter gefühlt. Nun sah er sich in dieser Frage von den Bären aus bestätigt. Diese fragten James, ob er so nun seinen Weg fortsetzen wolle. Der Gefragte zögerte und tat einen Schritt zurück. Nach einer Antwort suchend, blickte er den beiden Wächtern in die Augen. Diese blickten ihn mit überlegener Ruhe an, und so verstand auch James die Antwort, die noch unausgesprochen in der Luft lag. Doch wollte er seine Familie sehen. Wie sollte das nun geschehen? James trat die Flucht nach vorne an, und warf mit geübten Schritten die Wächter noch zu Boden, bevor er in den Wald hineinlief, hinter sich zwei laut Fluchende. Über die sprichwörtlichen Stöcke und Steine hastete James in die Richtung, in der er seine Heimat vermutete, denn die Hetze, der er sich aussetzte, half seiner Orientierung nicht weiter. Und es war drei Jahre her, seit er die Eltern verlassen hatte und seither war er nur zu den Versammlungen erschienen. Es hatte sich immer wieder etwas verändert und die Zahl der Bäume sank zusehends. Gerade mußte sich James über eine Lichtung sputen, als er seinen Bruder Nikolaus am anderen Ende dieses sonnendurchfluteten Freiraums sah. Er rief ihn mit atemloser, zittriger Stimme an. Der Bruder drehte sich dem Rufenden entgegen, zögerte kurz, dann zeigte er Erkennen an. James, nur noch wenige Schritte vor Nikolaus, lief aus, fühlte sich froh. Dann sah er das Seil, das ihm Nikolaus überwarf, ihn fesselte und mit geübter Hand festzog. Beide standen einen Moment lang wortlos. Dann schon erschienen die beiden keuchenden Wächterbären, denen Nikolaus das Seil zum Abtransport übergab. Sie führten James bis zum Rand des Bärenwaldes zurück und gaben ihm eine handfeste Warnung mit auf den restlichen Heimweg, nie wiederzukehren.

James benötigte zwei Tage, bis er die Heimat erreichte. Dort mußten ihn Ping und Peng mit Hilfe der Eule gesundpflegen. Doch es blieben Wunden, die auch nach Wochen noch schmerzten. Es war eine Heimkehr, die James erst viel später verstand.

That’s it, Folks. Bleibt nett zueinander, Ihr Herr Hansen.

Von den Teichfilterern

Liebe Welt,

heute folgt die erste komplette Folge der Saga rund um die inzwischen nahezu legendär gewordene, hinterhältig subtile Bande um den Bären James, sowie seine froschartigen Freunde Ping und Peng. Doch, nein, es ist falsch. Subtilität ist ihre Sache nicht. Oder?

Ist Arbeit eine Form des Wohlstands? Oder ein Recht?

Ping und Peng spazierten am Abend und trafen auf ihren Freund, James, den Bären. Ping erzählte von seiner Arbeit bei den Fliegenfängern. Er schwärmte in schönen Worten von diesem feinen Gewerbe, der erfüllenden Pirsch nach den leckeren Mücken. Peng, der zweifelnde Frosch, mochte an diese bunte Arbeitsfreude von Ping nicht so recht glauben. Nicht, daß er dem Freund dieses neidete, doch sah er nicht ein, weswegen Ping die gefangenen Fliegen abgab, anstatt sie zu verschlingen. Ping runzelte über solch weltfremden Zweifel seine grüne Stirne:

„Na, wenn ich nicht eine gewisse Zahl von Fliegen, beziehungsweise ein Gewicht an Fliegenkörpern abgebe, erhalte ich vom Oberfrosch kein Geld. Wenn ich kein Geld bekomme, dann kann ich mir das Geschmeide nicht leisten, das ich mir gerne umhänge.“

Peng sah trotz der klaren Antwort noch keine Lösung dieser Problemsituation, denn er mochte die Abgabe des Jagdguts nicht gutheißen und sprach von der typischen Entfremdung zwischen Jäger und Opfer, die er ebenso anprangerte, wie die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Vorstand des Müggi Kreuchstudio den Fängern den Fang entriß.

„Natürlich, Peng! Der Oberfrosch vor Ort ist sehr, sehr aufmerksam. Eine falsche Schluckbewegung und er reist Dich am Schenkel und Du kannst Deiner Weg gehen.“

Peng wich bei dieser Vorstellung erschrocken zurück.

„Wie gut, daß ich alle Fliegen fressen kann, die ich erwische. All die feinen Käfer, das wohlschmeckende Summen, wenn sie in meinem Rachen hinabtauchen. Wie gut auch, daß ich frei bin von solchen üblen Kröten, die mich beim Fangen beobachten. Dafür verzichte ich gerne auf das unnütze Geschmeide. Ping, man verwechselt Dich trotz Deiner Ketten und des ganzen anderen Schmucks so oft mit mir!“

Ping lachte ätzend auf, als er diese befremdende Meinung hören mußte. Er schalt Peng einen armen Schlucker – unterstrich dies mit einem entsprechenden Laut – der nur seine mageren Fliegen von der Wiese hatte und sonst gar nichts. Auch würde sie doch jeder auseinander halten, wäre er, Ping, doch ein lustiger Gesell und Peng ein trauriger Frosch-Guck-In-Die-Luft, der nichts als leere Gedanken in seinem Kopf herumtrug.

Das enttäuschte Peng tief und er wandte sich hilfesuchend an den jungen Bären James. Dieser breitete seine Arme weit auseinander und wiegte den großen Kopf, wußte er doch auf Anhieb auch keine Lösung, wie er die verschiedenen Meinungen seiner Freunde wieder versöhnen könnte.

„Peng, lieber Froschfreund, lerne doch Pings Leben einmal kennen und bewerbe Dich für eine zeitlich befristete Stelle bei Müggi Kreuchstudio. Sieh Dir das ganze Werk rund um den See einmal näher an.“

Da warf sich Ping in Pose und rief:

„Wer braucht den diesen Tropf, der nichts kann? Müggi etwa? Braucht meine Firma etwa einen Werksdenker mit zwei linken Füßen? Wir haben schon genügend Quadratköpfe durchzubringen, da können wir auf den da verzichten!“

Die Enttäuschung stand dem geschundenen Peng tief ins Gesicht geschrieben und so legte der mitfühlende James ihm den Arm auf die Schulter.

„Na, Kopf hoch, kleiner Frosch. Sei doch froh, daß Du immerhin frei bist und alles tun und lassen kannst, wie Du es willst!“

„Ich will aber nicht mehr frei sein, ich will endlich mal eigenes Geld verdienen. Und mir was Tolles leisten können, damit ich es dem Ping mal zeigen kann.“

Böswilliges Lachen kam nun vom lustigen Ping herüber, der sich ungerechtfertigt kritisiert fühlte.

„Peng! Warst Du wenigstens schon bei den Unken? Wenn Du Arbeit suchst, dann führt Dein erster Weg zu den Unken!“

James nickte bedrückt den Kopf. Er mochte keine Streitereien unter seinen Freunden, es rührte sein Herz, ließ ihn eine leichte Angst spüren und so wurden seine Augenränder ein wenig feucht.

„Ja, Peng. Dorthin wirst Du gehen müssen. Aber es wird kaum etwas nützen, denn die Unken können Dir ja keine Arbeit schnitzen, wenn Müggi Dich nicht gebrauchen kann. Aber, wer weiß. Du mußt es versuchen.“

Dann drehte sich der Bär zur Seite, und rieb sich die nassen Augen. Ping sah sich versucht, seinen Höhenflug weiter durchzuführen und legte nach:

„Aber sie werden Dir immerhin ein kleines Taschengeld geben, weil Du Deinen großen Kopf senkst und zugibst, keine Arbeit zu haben. Ja, nicht so wie ich. Ich habe in der Froschgemeinschaft immerhin Gewicht. Na, sie könnten Dich zu den Teichfilterern schicken, wenn es sonst nichts für Dich zutun gibt. Da kannst Du den ganzen Tag Dein vorlautes Mäulchen in das Wasser halten und es schön sauber machen. Dann wärst Du wenigstens vom Ufer weg.“

Nun weinte auch Peng, der die Überheblichkeit des Freundes nicht mehr ertragen konnte.

„Ich gehe zu den Unken! Ich werd’s Dir schon zeigen.“

James begleitete Peng zu den Unken. Diese hörten sich den Fall an. Die erste Unke verwies den traurigen Frosch an eine weitere Abteilung. Dort gab die nächste Unke zu bedenken, daß sich die erste Unke da wohl vertan haben mußte, es gäbe jedoch eine dritte Unke, die für Peng zuständig sei. Diese Unke mußte Peng vertrösten, da sie gerade jetzt eine Reise anträte und zur Zeit keine Gelegenheit mehr habe neue Fälle aufzunehmen, doch nebenan sei ihre Vertretung, die sich in dieser Zeit um Peng kümmern könnte. Diese Unke war jedoch eine alte Kröte, dabei sehr übellaunig, da die Reise der dritten Unke ihren Arbeitsplatz in ein Flutgebiet verwandelt hatte. Peng und James wurden als unerwünscht vor die Tür gesetzt. Man sei hier sowieso grundsätzlich nicht für Frösche, sondern nur, und man legte einen gewissen Nachdruck in diese Aussage, nur für andere Kröten zuständig. Frösche müßten sich schon selber helfen, wenn sie eine geregelte Arbeit finden wollten.

James und Peng sahen sich an und machten sich auf den Weg zum Froschkönig. Dieser sollte nun Rat halten, denn Peng, der Untertan, wußte keine Lösung mehr für dieses Problem. Schließlich habe der Froschkönig eine gewisse Verantwortung durch seine Machtposition für die Frösche seines Herrschaftsgebietes. James wirkte zwar etwas zögerlich auf Pengs Argumentation in diese Richtung, doch wußte er keine bessere Lösung.

Als der Froschkönig, nach Stunden des Wartens, Peng zu sich rief, sprach er:

„Nun, kleiner Untertan Peng, ich bin kein Unternehmer. Ich kann Dich höchstens zu den Teichfilterern schicken. Mehr ist zur Zeit nicht möglich.“

That’s it, folks. See ya!

Mit vorzüglicher Hochachtung. Ihr Herr Hansen.

Einführung in die Art, wie einzelne Menschen das Treiben zu betrachten pflegen.

Liebe Welt,

es existiert eine Diskrepanz zwischen der Realität und jenem Raum der Fiktion. Es existiert fraglos schon ein Bruch innerhalb dessen, was Menschen die Realität nennen.

Ich schrieb dereinst eine handvoll Geschichten über die Erlebnisse eines Bären und seiner zwei Freunde, welche Frösche sind. Menschen kamen, lasen und teilten mir mit, daß diese Geschichten fiktiver Natur seien. Das mag noch angehen, da es in der Welt, die als real angesehen wird, in der Gegenwart und überschaubar näheren Zukunft eher keine Art des Dialogs zwischen diesen beiden betroffenen Tierarten geben wird. Sprich innerhalb der kommenden zwei Wochen, das wäre dann der 31. August 2011: Ab diesem Tag gebe ich keine Garantie mehr ab, daß dieser Teil des als fiktiv angesehenen Settings nicht doch plötzlich diese Haut abstreift und – auch in der Facebook-Gemeinde – Freundschaften zwischen Bären und Fröschen geschlossen werden.

Als andere ist jedoch wahr. Fast alles.

Hier folgt nun der Beginn jener Textreihe, welche ich damals schrieb:

Prolog

Zwei Frösche unterhielten sich mit James, dem Bären. Ping, der erste und lustige Frosch, war jeder Zeit gutgelaunt und lachte, wie immer es ihm gefiehl. Peng, der traurige und meist zweifelnde Frosch, war unter seinen Genossen nicht arg beliebt, da er oft nur nachdenklich unter Bäumen hockte und über allerlei Dinge nachgrübelte. Doch er und Ping waren die besten Freunde, die man sich vorstellen konnte. Natürlich zusammen mit James, dem jungen Bären, mit dem sie seit einiger Zeit allerhand unternahmen und redeten. Diese Drei gehörten zusammen, als seien sie aneinandergewachsen.

Zweifellos teilten James und Peng ein gleiches Schicksal, denn James besaß keinen Fürsprecher unter den anderen Bären dieses Teils des Waldes, nicht zuletzt weil er schnell zu Tränen neigte und auch sein Umgang mit Fröschen war nicht gerne gesehen. Er nahm daher sein Wesen in die eigene Hand und ging seinen Weg, den er mit Ping und Peng gerne teilte. Er bewunderte den strahlenden Optimisten Ping, der aus jeder Situation das Beste herauszuholen suchte. Auch für den Zweifler Peng schlug sein Bärenherz. Dieser besaß eine große Klarsicht und blickte gerne auf den Grund jedes Problems, das sich in dieser kleinen Welt auftun sollte. Was James selber denn darstellte? Das fragte er sich oft, doch fand er keine Antwort. Doch die offenen Arme, mit denen die beiden Frösche ihm gegenübertraten, stillten seinen Zweifel.

That’s it, Folks. Hieß es zu Zeiten bei alten Cartoons. Mehr folgt in Kürze. Bei Bedarf, versteht sich.

Ergebenst, Ihr Herr Hansen.

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